Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben.
Sieg oder Spott, folg deinem Gott!



Dienstag, 13. März 2012

Der Begriff der Bescheidenheid

Mehr Sein als Scheinen
Üblicherweise erscheint in Abhandlungen über Moral als ein Wert die “Bescheidenheit”. Bei uns nicht. Der Christ hat demütig gegen Gott zu sein, bescheiden gegen die Menschen; was die Demut in seinem Verhältnis zu Gott ist, ist die Bescheidenheit - jedenfalls der Theorie nach - den Menschen gegenüber. So wie sich der Christ Gott gegenüber klein zu machen hat, so hat er sich den Menschen gegenüber klein zu machen, seine Leistungen herunterzuspielen, sie für Nichts zu erklären. Das ist üble Heuchelei, wenn er etwas Vorbildliches geleistet hat, denn im Inneren weiß er, dass er etwas Großes vollbracht hat. Nur weil es von ihm moralisch gefordert wird, erniedrigt er sich.

Manche Menschen mahnen auch deswegen zur Bescheidenheit, weil sie ihre Umgebung stets gerne klein, niedrig und unterwürfig sehen möchten. Sie brauchen kleine Menschen um sich, weil sie selbst nicht groß sind und sich sonst nicht behaupten können.

Gehen wir vom Wortsinn aus: “Sich mit etwas bescheiden”. Das bedeutet, er fügt sich in das, was ihm zugemessen wird. Unserer Art entsprechend ist, sich nicht zu bescheiden, sondern zu fordern, am meisten von sich selbst, dann aber auch von anderen, Mauern zu zerbrechen, Hürden zu überspringen, Berge zu erstürmen, zu neuen Ufern aufbrechen.

Dass die Bescheidenheit ein aufgezwungener Wert ist, hat unser Volk unbewusst immer gefühlt; ein stehender Ausdruck ist “falsche Bescheidenheit”, womit gesagt werden soll, dass Menschen, die an sich aufgrund richtiger Ansichten gehört werden müssten, nicht gehört werden, weil sie schweigend im Hintergrund bleiben, oder aber ihre Verdienste ihnen an sich vergütet werden müssten, was aber nicht geschieht, weil man sich ihre Verdienste nicht klarmacht, da sie “kein Aufhebens” davon machen. Der Berliner sagt es mit seiner trockenen Art: “Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr”.

Auch wenn dies lustig klingt, so gibt es doch einen ernsten Hintergrund. Nur deswegen, weil ein anderer vielleicht höher gestellt ist, man selbst nicht so viel Ansehen hat, trägt man seine Meinung, seinen guten Rat, der vielleicht schicksalsentscheidend sein könnte, nicht vor - aus Bescheidenheit.

Als Bescheidenheit ist gepriesen worden, dass man sein Urteil dem Urteil anderer unterstellt und erst seine Meinung abgibt, wenn Ältere gesprochen haben. Sicherlich gehört es zu einer guten Erziehung, dass Kinder erst nach Erwachsenen reden, also nicht vorlaut sind und sich nicht aufzudrängen suchen. Unter Erwachsenen sollte man sich aber Gehör verschaffen, und wenn es eilt auch rasch, wenn man der Auffassung ist, dass der eigene Ratschlag richtig ist. Sicherlich sind bescheidene Menschen angenehm im Umgang; aber der Sache förderlich sind sie nicht. Zuweilen versteckt sich hinter Bescheidenheit auch die Angst, vor Kritik nicht bestehen zu können, denn wenn man seine Meinung zum Besten gibt, setzt man sie damit der Kritik aus; das muss aber, um eine gute Lösung zu finden, in Kauf genommen werden.

Der Volksmund weiß: Man soll sein Licht nicht unter den Scheffel stellen. Arthur Schopenhauer meint dazu: “Bescheidenheit bei mittelmäßigen Fähigkeiten ist bloße Ehrlichkeit; bei großem Talent ist sie Heuchelei.” Johann Wolfgang von Goethe sagt es noch deutlicher: “Nur die Lumpe sind bescheiden, Brave freuen sich der Tat.”

Wir räumen mit der Heuchelei auf, und gebieten deshalb Annahme der Anerkennung durch andere. Das Abwehren: “Ach nicht doch… das war doch nichts…, ich habe doch gar nichts geleistet… jeder andere hätte es genauso gut machen können…” – das wollen wir nicht mehr hören.

Das Aussprechen von Anerkennung ist zu den im täglichen Leben am meisten vernachlässigten Tugenden geworden. Und wenn die Arbeit eines anderen Menschen noch so unbedeutend scheint - wenn er sie gewissenhaft ausführt, hat er ein Recht auf unsere Anerkennung. Adalbert Stifter sagte dazu: “Der Mensch ist Beispiel, der innerhalb des ihm zugewiesenen Raumes, wie eng oder wie weit dieser sein mag, tut, was ihm aufgetragen ist.”

Wenn wir anderen Menschen Anerkennung zukommen lassen, werden wir die besten Kräfte in ihnen wecken. Die Erfahrung hat gezeigt, dass da, wo wir die uns gefallenden Seiten ihres Wesens oder ihrer Arbeit loben, das Verhalten auch auf anderen Gebieten - ohne vorher Kritik geäußert zu haben - besser geworden ist. Das gelingt uns, wenn wir versuchen, ihre Lage mit ihren Augen zu sehen, uns in sie hineinzuversetzen. Nach Anerkennung arbeiten Menschen oftmals besser und einsatzfreudiger. Wir sollten also großzügig mit Lob umgehen. Gerne loben, ungern tadeln - wer sich das angewöhnt, wird Wunder erleben! Wer Kinder hat, kann die Wirkung solcher Erziehung unmittelbar sehen.

Viele Ehen wären nicht geschieden worden, wenn einer des anderen Leistung besser gewürdigt und dies auch ausgesprochen hätte. Dem anderen muss gesagt werden, dass man die Arbeit anerkennt, statt auf dem herumzuhacken, was liegengeblieben ist oder uns nicht passt.

Allerdings sollen wir nirgends schmeicheln. Anerkennung ist ehrlich und echt, Schmeichelei unehrlich und unecht. Der Schmeichler sagt das, was der andere hören möchte, wobei dem Schmeichler egal ist, ob das stimmt. Der Schmeichler mag sich dadurch einige Vorteile bei selbstsüchtigen Menschen verschaffen; durch die Unehrlichkeit zerstört er seine Persönlichkeit, so er sie überhaupt hatte. Das Volk verachtet sie: “Schmeichler sind Heuchler und Meuchler”.

Und wenn diese Anerkennung ausbleibt? Moltke sagt, dass Anspruchslosigkeit ein guter Schutz gegen Kränkungen und Zurücksetzungen sei. Wir handeln schließlich nicht der Anerkennung wegen, sondern weil wir unser Tun als notwendig sehen.
“Wenn wir nicht anders scheinen wollen, als wir sind, keine höhere Stellung an uns reißen wollen, als die uns zusteht, so kann weder Rang noch Geburt, noch Menge und Glanz uns wesentlich außer Fassung bringen.”