Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben.
Sieg oder Spott, folg deinem Gott!



Sonntag, 1. April 2012

Die Zahl 432000




In einem der eddischen Merkgedichte, den Grimnismal, deren Weisheit aus vielen und dunklen Quellen strömt, findet sich von Walhall folgende Strophe:


Fünfhundert Tore und noch vierzig dazu
weiß ich in Walhall wohl;
achthundert Krieger kommen aus jedem,
wenn sie ausziehn zu wehren dem Wolf.

Wir hören also, Walhall hat 540 Tore, und wenn die Walhallkrieger dereinst zum Kampf mit dem Wolf auszuziehen, wobei der Wolf, der Fenriswolf1, die gesamte feindliche Dämonenwelt vertritt, d. h. aber wenn der jüngste Tag gekommen sein wird, so brechen aus jedem der 540 Tore 800 Walhallkrieger zum letzten Kampf und Untergang heraus. Diese Strophe ist so gebaut, daß die Zahlen zur Multiplikation verlocken. Wieviel Krieger also werden am jüngsten Tag aus Walhall ausziehn zum Kampf, um zu sterben? 540 mal 800, und es ergibt sich die sonderbare, im germanischen Raum ganz ungewöhnliche Zahl von 432000.


Nun gibt es freilich im Altnordischen zwei verschiedene Hundertbegriffe, beide nebeneinander gebraucht, einen rein dezimalen zu 10 mal 10 und dann den duodezimalen des Großhundert zu 12 mal 10, und es ist nicht von vornherein gesagt, welchen wir anwenden müßten. Aber die Weisheit der Strophe kann wie so vieles in der Edda weit älter als das Altnordische sein, und wenn schon im Altnordischen2 der dezimale Gebrauch den duodezimalen noch überwiegt, so steht dies damit zweifellos dem übrigen Germanischen näher.


Zudem wird die Zahl 432000 durch einen ungeheuren Zusammenhang gestützt und gehalten, der dem Unbefangenen jeden Zweifel an der Berechtigung der Einsetzung des dezimalen Hundertbegriffs in unserm Falle, sowie auch jeden Glauben an einen Zufall nimmt.


Denn die Zahl 432000 ist eine charakteristische Zahl der hellenistisch-orientalischen Zeitenmystiksysteme, die ihre Quelle, soweit wir sehen, im Babylonischen finden. Wir geraten mit dieser Zahl in die babylonische Weltzeitalterlehre, die Aeonenlehre, die Lehre vom großen Weltjahr, vom Aion. Der babylonische Mardukpriester Berossos aus der Diadochenzeit hat die Zahl 432000 überliefert für den Aion der vorsintflutlichen Könige. Die Weltjahrzahlenspekulation Indiens kennt die Zahl 432000 für das Kaliyuga, mit 10 multipliziert gibt sie sie für des Mahayuga an. Sie liegt dem ganzen Yugasystem zugrunde und sie begegnet mit 3 Dekaden multipliziert auch in der platonischen Zahl 12960000 : 432000 ist das Dreißigstel der platonischen Zahl im achten Buch von Platons Staat. Man kann sagen, nach einem bestimmten System der hellenistisch-orientalischen Aeonenlehre dauert ein Aion 432000 Jahre; sind sie um, so ist eine Weltperiode zu Ende.
Man weiß nun schon längst, daß diese auffällige Zahl mit der Zahl der Walhallkrieger zusammenhängen muß3, daß es sich um ein entlehntes Trümmerstück jener Aeonenlehre handelt, im Zusammenhang mit andern Trümmern nach Germanien verschlagen. Jeder Zufall ist ausgeschlossen. Eine so ungewöhnliche Zahl wird nicht zweimal verschiedenen Ortes, noch dazu in verwandter Funktion, erfunden. Wo die Zerlegung der Zahl in 540 und 800 erfolgte, darüber wird sich kaum etwas ausmachen lassen. Orientalisch-hellenistischer wäre die andre Zerlegung mit der bedeutungsschwereren Zahl 72 gewesen, 600 mal 720 gleich 432000. Wer die Zerlegung einem frühgermanischen Kopf noch nicht zutraut, der sei daran erinnert, daß im 10. Jahrhundert auf Island ein germanisch-heidnischer Bauer den Kalender verbesserte und die Landesgemeinde seine Neuerung zum Gesetz erhob4. Was aber im 10. Jahrhundert im Norden Germaniens möglich war, möchte im 5. Jahrhundert bei den Südgermanen nicht unmöglich gewesen sein.


Die Frage kann nur noch darum gehen, wie die Übertragung dieser Zahl auf die Walhallkrieger denn möglich wurde und was dieser Übertragungsprozeß für die Erkenntnis des germanischen Lebensgefühls bedeutet. Dies aber hat man bisher sich eben noch gar nicht gefragt.

Die Brücke der Übertragung ergibt sich so: 432000 Jahre vergehen und dann ist dort der Aion zu Ende. 432000 Krieger sammeln sich an, dann reißt sich der Wolf los und bricht auch hier der jüngste Tag der Weltperiode herein.
Man erkennt die verwandte Funktion und man ermißt zugleich, wie von Grund aus die Zahl umgedacht und umgedeutet worden ist in der germanischen Welt. In der für eine Kriegerkultur jedenfalls bezeichnendsten Weise! Denn was bedeutete dem germanischen Geist die abstrakte Summe unfaßbarer Jahre?


Das war nicht begreifbar, nicht schaubar, nicht so sinnenhaft, wie sie es brauchten. Dies Volk rechnete ja nicht nach Jahren, sondern nach wirklicheren sinnlicheren Begriffen, nach Sommern und Wintern. Und man war überhaupt gewohnt, den Unermeßlichkeiten des Raumes und der Zeit mit sinnenhafteren Vorstellungen näher zu kommen, worauf bekanntlich ein guter Teil der Poesie im germanischen Recht beruht: "So lang der Wind von den Wolken weht und das Gras grünt und Baum blüht und die Sonne aufzieht und die Welt steht" für das abstrakte "immer". Und "Soweit Feuer brennt und Erde grünt, Kind nach der Mutter schreit und Mutter Kind gebiert, Schiff fährt, Schild blinkt, Sonne den Schnee schmilzt, Feder fliegt, Föhre wächst, Falke fliegt den langen Frühlingstag und der Wind steht unter seinen beiden Flügeln" usw. für das abstrakte "überall".


So ins Sinnenhafte, Räumliche, Raumfüllende ist der gewaltige Zeitbegriff auch umgesetzt. Nicht Jahre sammeln sich an, bis ihr astrologisches Maß voll ist, sondern Krieger sammeln sich an, bis die Halle voll ist, die große, der endlange Saal. Nicht Jahre sind die 432000 Größen, auch nicht personifizierte Jahre, Jahresgötter etwa, wie man sich helfen zu können glaubt - das wäre ganz ungermanisch gedacht -, sondern schlechthin Krieger, die sich versammeln. In einer Halle versammeln sie sich, worunter das frühgermanische fürstliche Langhaus gesehn ist, weil dieses der einzige Bühnenraum überhaupt ist, in dem die Dinge der frühgermanischen Kultur sich abspielen und sichtbar werden. Aber es handelt sich dabei um die mythische Halle des obersten Kriegerkönigs und Königsgottes. Und um die Menge der himmlischen Heerscharen, die sich aus gefallenen menschlichen Krieger bildet, handelt es sich. "Denn es ist einer der sichersten Posten in der altgermanischen Religionsgeschichte, daß man allgemein glaubte, Odin-Wodan sammle ein Heer um sich"5 für künftige Zwecke.


Es klingt wie eine von den eschatologischen Bestimmungen, die der germanische Mythos liebt: Wenn die Bande des Bluts und der Gesittung zerrisen sind; wenn der Riese frei wird und die Wölfe Sonne und Mond verschlingen; wenn das Schiff Naglfar flott wird, das aus den Nägeln verstorbener Menschen gebaut ist; wenn es drei Winter hintereinander gibt und keinen Sommer mehr dazwischen … Und so eben nun auch: Wenn die große Walhall so voll sein wird, daß da 432000 Krieger versammelt sind, die zu je 800 die 540 Tore durchschreiten, dann ist die Stunde des Weltuntergangs gekommen, wo man gegen den Wolf zum letzten Kampf ausziehen wird. Man könnte sehr wohl die eddische Strophe in diese eschatologische Wendung kleiden, die sie enthält und die ihresgleichen ja immer wieder in der deutschen Volkssage findet: Wenn der Bart des schlafenden Kaisers im Berg dreimal um den Marmortisch herumgewachsen ist; wenn einmal die Üppigkeit in der Welt so überhand genommen, daß alles in gläsernen Schuhen läuft; wenn der große Stein im Lechtal sich so gedreht haben wird, daß seine Spitze zur Ottermühle zeigt, dann ist das Ende der Welt gekommen, und auch in der deutschen Volkssage ist ja das Ende der Welt noch oft mit einer letzten großen Schlacht, der Schlacht auf dem Walserfelde, verknüpft. Nur heroischer ist die Stilform unserer Formel, die das Frühgermanische schuf und die die große fürstliche Halle der Helden zeigt 6.


Ihren uralten Dienst hat die Wunderbare Weltjahrzahl 432000 im Germanischen beibehalten, aber die kosmisch-astrologischen Bezüge hat sie vollkommen aus sich verloren. Statt dessen hat sie sich mit einem heroisch-tragischen, ungemein plastischen Sinn, nein Leben, erfüllt. Sie hat den Sinn verloren, aber lebendigstes Leben dafür erhalten.


Und so ward auch dieses Kleinod zu einem Zeugnis eigentümlich germanischen Lebensgefühls.

Anmerkungen:

1 Vafthrudnismal 53.
2 Noreen, Geschichte der Nordischen Sprachen 1913, S. 199; bei Ulfilas fimfhunda = pentakosia Luk. 7, 41; I Korr. 15, 6. Helm macht darauf aufmerksam, daß bei Ansetzung des duodezimalen Hundertbegriffs eben auch das Resultat als 432 Großhunderte anzusetzen sei.
3 Man sieht, ich stehe in diesem Punkte grundsätzlich auf der Seite Fr. R. Schröders, der als Erster seit Sandal (1811) und v. d. Hagen (1819) die Parallele wieder hervorgeholt hat (Germanentum und Hellenismus, S. 15 ff.; Kulturprobleme, S. 80 ff.), nur gehe ich über ihn hinaus, indem ich eine Interpretation versuche. Die Skepsis einiger Autoren (zitiert bei Schröder, Kulturprobleme a. a. O.) verstehe ich nicht; sie kommt mir vor wie jene Überskepsis, die einst die Identität des nordischen Balder mit dem des Merseburger Zauberspruchs bezweifelte, wofür ich kein Organ besitze. Einiges orientalisches Material über die Zahl findet man bei Alfred Jeremias, Handbuch der altorientalischen Geisteskultur, 2. Aufl. 1929 ff. Fr. R. Schröder macht jetzt darauf aufmerksam (Kulturprobleme, S. 82), daß das Drittel unserer Zahl (144000) in der Offenbarung Johannis 7, 4 die Kopfzahl der Versiegelten bedeutet; das wäre, wiewohl weit entfernt von der heroischen Plastizität, ein Analogon zur germanischen Umsetzung aus Zeitmaß in Kopfzahl und zugleich eine Bestätigung für den Vorgang. Cl. Bojunge verweist mich auf Jeremias, 1. Aufl. 1913, S. 195, wo auch 800 als Zahl der antiken Astronomie erscheint, als eine Planetenkonjunktionszahl, in Verbindung mit der Idee vom Kommen des Welterretters. 540 ergibt sich dann als 432000 : 800. Aber selbst die Zahl 540 könnte eine alte eigene Bedeutung haben als 18x30, wobei 18 die Zahl der babylonischen Sarosperiode ist (Jeremias 196) und 30 ein Faktor der platonischen Zahl ist.
4 Neckel, Deutsche Literaturzeitung 1930, Sp. 2276, von Ari.
5 Fr. Kauffmann, Balder, S. 231.
6 Weltanfang und Weltende in der deutschen Volkssage, Frankfurt, Diesterweg, 1932.