Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben.
Sieg oder Spott, folg deinem Gott!



Montag, 2. April 2012

Die Edda II


28. Helreidh Brynhildar

Brünhildens Todesfahrt
Nach Brünhildens Tod wurden zwei Scheiterhaufen gemacht, einer für Sigurd, der brannte zuerst; danach wurde Brünhilde verbrannt, und sie lag auf einem Wagen, der mit Prachtgeweben umzeltet war. Es wird erzählt, daß Brünhild auf dem Wagen den Helweg fuhr und durch eine Höhle kam, wo ein Riesenweib wohnte. Das Riesenweib sprach:

1 Fortzufahren erfrech dich nicht
Durch meine steingestützten Häuser.
Besser ziemte dir, Borten zu wirken
Als den Gatten begehren der andern.

2 Kämpferisch Weib, was willst du suchen,
Allgierig Haupt, in meinem Hause?
Du wuschest, Bewehrte, so du es wissen willst,
Von den Händen dir manchesmal Menschenblut.

Brünhild:
3 Was wirfst du mir vor, Weib aus Stein,
Hab ich im Kriegsheer gekämpft denn auch,
So bin ich die bessere von uns beiden doch,
Wenn unsern Adel Einsichtige prüfen.

Riesin:
4 Du bist Brünhild, Budlis Tochter,
In widrigster Stunde zur Welt geboren:
Durch dich wurde ohne Erben Giuki,
Du hast sein hohes Haus gestürzt.

Brünhild:
5 Vom Wagen kündet die Kluge dir
Der Witzlosen, wenn du es wissen willst:
Mich machten Giukis Erben meiner
Liebe verlustigt, der Eide ledig.

6 Der hochsinnige Fürst ließ die Fluggewande
Uns acht Schwestern unter die Eiche tragen;
Zwölf Winter war ich, wenn du es wissen willst,
Als ich dem jungen Fürsten den Eid schwur.

7 Alle hießen mich in Hlymdalir
Hild unterm Helme, wohin ich kam.

8 Da ließ ich den greisen gotischen Fürsten
Hialmgunnar hinab gehn zur Hel,
Gab den Sieg dem blühenden Bruder Adas:
Darüber war mir Odin ergrimmt.

9 Er umschloß mich mit Schilden in Skatalundr,
Mit roten und weißen; die Ränder schnürten mich.
Meinen Schlaf zu brechen gebot er dem,
Der immer furchtlos gefunden würde.

10 Um meinen Saal, den südlich gelegnen,
Ließ er hoch des Holzes Verheerer entbrennen:
Darüber reiten sollte der Recke nur,
Der das Gold mir brächte im Bette Fafnirs.

11 Der rasche Ringspender ritt auf Grani
Hin, wo mein Hüter das Land beherrschte.
Der beste schien mir der Degen alle
Der dänische Fürst im Heldengefolge.

12 Wir lagen mit Lust auf einem Lager
Als ob er mein Bruder geboren wäre.
Keiner von beiden könnt um den andern
In acht Nächten die Arme legen.

13 Doch gab mir Gudrun Schuld Giukis Tochter,
Ich hätte dem Sigurd geschlafen im Arm.
Was ich nicht wollte gewahrt' ich da:
Daß ich überlistet war bei der Verlobung.

14 Zum Unheil werden noch allzulange
Männer und Weiber zur Welt geboren.
Aber wir beide bleiben zusammen,
Ich und Sigurd: versinke Riesenbrut!



29. Gudrunarkvida fyrsta

Das erste Gudrunenlied
Gudrun saß über dem toten Sigurd; sie weinte nicht wie andere Frauen, aber schier wäre sie vor Leid zersprungen. Auch traten Frauen und Männer hinzu, sie zu trösten: aber das war nicht leicht. Es wird gesagt, Gudrun habe etwas gegessen von Fafnirs Herzen und seitdem der Vögel Stimmen verstanden. Auch dies wird von Gudrun gesagt:

1 Einst erging's, daß Gudrun zu sterben begehrte,
Daß sie sorgend saß über Sigurden.
Nicht schluchzte sie, noch schlug sie die Hände,
Brach nicht in Klagen aus wie Brauch ist der Frauen.

2 Ihr nahten Helden, höfische Männer,
Das lastende Leid ihr zu lindern bedacht.
Doch Gudrun konnte vor Gram nicht weinen,
Schier zersprungen war sie vor Schmerz.

3 Herrliche Frauen der Helden saßen,
Goldgeschmückte, Gudrun zur Seite.
Eine jede sagte von ihrem Jammer,
Dem traurigsten, den sie ertragen hatte.

4 Da sprach Giaflög, Giukis Schwester:
"Mich acht ich auf Erden die Unseligste.
Der Männer verlor ich nicht minder als fünf,
Der Töchter zwei und drei der Schwestern,
Acht Brüder; ich allein lebe."

5 Doch Gudrun konnte vor Gram nicht weinen,
So trug sie Trauer um den Tod des Gemahls,
So füllte sie Grimm um des Fürsten Mord.

6 Da sprach Herborg, die Hunnenkönigin:
"Ich habe von herberm Harm zu sagen:
Sieben Söhne sind im südlichen Land
Und mein Mann der achte mir erschlagen.

7 Über Vater und Mutter und vier Brüder
Haben Wind und Wellen gespielt:
Die Brandung zerbrach die Borddielen.

8 Selbst die Bestattung besorgen mußt ich,
Die Holzhürde selber zur Helfahrt schichten.
Das alles litt ich in einem Halbjahr,
Und niemand tröstete in der Trauer mich.

9 Dann kam ich in Haft als Heergefangne
Noch vor dem Schluß desselben Halbjahrs.
Da besorgt ich den Schmuck und die Schuhe band ich
Alle Morgen der Gemahlin des Edlings.

10 Sie drohte mir immer aus Eifersucht,
Wozu sie mit harten Hieben mich schlug.
Niemals fand ich so freundlichen Herrn,
Aber auch nirgend so neidische Herrin."

11 Doch Gudrun konnte vor Gram nicht weinen,
So trug sie Trauer um den Tod des Gemahls,
So füllte sie Grimm um des Fürsten Mord.

12 Da sprach Gullrönd, Giukis Tochter:
"Wenig weißt du, Pflegerin, ob weise sonst,
Das Herz einer jungen Frau zu erheitern.
Weshalb verhüllt ihr des Helden Leiche?"

13 Sie schwang den Schleier von Sigurd nieder,
Und wandte ihm die Wange zu des Weibes Schoß.
"Nun schau den Geliebten, füge den Mund zur Lippe
Und umhals ihn wie einst den heilen König."

14 Auf sah Gudrun einmal nur,
Sah des Helden Haar erharscht vom Blute,
Die leuchtenden Augen erloschen dem Fürsten,
Vom Schwert durchbohrt die Brust des Königs.

15 Da sank aufs Kissen zurück die Königin,
Ihr Stirnband riß, rot war die Wange,
Ein Regenschauer rann in den Schoß.

16 Da jammerte Gudrun, Giukis Tochter:
Die verhaltnen Tränen tropften nieder,
Und hell auf schrien im Hofe die Gänse,
Die zieren Vögel, die Zöglinge Gudruns.

17 Da sprach Gullrönd, Giukis Tochter:
"Euch vermählte die mächtigste Liebe
Von allen, die je auf Erden lebten.
Du fandest außen noch innen Frieden,
Schwester mein, als bei Sigurd nur."

18 Da sprach Gudrun, Giukis Tochter:
"So war mein Sigurd bei Giukis Söhnen,
Wie hoch aus Halmen edler Lauch sich hebt,
Oder ein blitzender Stein am Bande getragen,
Ein köstlich Kleinod, über Könige scheint.

19 So daucht auch ich den Degen des Königs
Höher hier als Herians Mädchen.
Nun lieg ich verachtet dem Laube gleich,
Das im Forste fiel, nach des Fürsten Tod.

20 Nun miß ich beim Mahle, miß ich im Bette
Den süßen Gesellen: das schufen die Giukungen.
Die Giukungen schufen mir grimmes Leid,
Schufen der Schwester endlosen Schmerz.

21 So habt ihr den Leuten das Land verwüstet
Wie ihr übel die Eide hieltet.
Nicht wirst du, Gunnar, des Goldes genießen:
Dir rauben die roten Ringe das Leben,
Weil du Sigurden Eide schwurst.

22 Oft war im Volk die Freude größer,
Als mein Sigurd den Grani sattelte,
Und sie um Brünhild zu bitten fuhren,
Die unselige, zu üblem Heil."

23 Da sprach Brünhild, Budlis Tochter:
"Mann und Kinder misse die Vettel,
Welche dich, Gudrun, weinen lehrte,
In den Mund dir Worte am Morgen legte!"

24 Da sprach Gullrönd, Giukis Tochter:
"Geschweig der Worte, Welt verhaßte!
Immer den Edlingen warst du zum Unheil;
Wie sein schlimmes Schicksal scheut dich jeder;
Sieben Königen kostest du das Leben,
Die der Freunde viel den Frauen erschlugst!"

25 Da sprach Brünhild, Budlis Tochter:
"An allem Unheil ist Atli schuld,
Budlis Sohn, der Bruder mein.

26 Als wir in der Halle des hunnischen Volkes
Des Wurmbetts Feuer an dem Fürsten ersahn,
Des Besuches hab ich seitdem entgolten,
Dieses Anblicks muß immer mich reuen."

27 Sie stand an der Säule, den Schaft ergriff sie;
Es brannte Brünhilden, Budlis Tochter,
Glut in den Augen, Gift spie sie aus,
Als sie die Wunden sah an Sigurds Brust.

Darauf ging Gudrun in Wälder und Wüsten bis Dänemark, wo sie bei Tora, Hakons Tochter, sieben Halbjahre weilte. Brünhild wollte Sigurden nicht überleben. Sie ließ acht Knechte und fünf Mägde töten. Darauf durchbohrte sie sich selbst mit dem Schwerte - wie gesagt ist in dem kürzeren Sigurdsliede.


30. Drap Niflunga

Mord der Niflunge
Gunnar und Högni nahmen da alles Gold, Fafnirs Erbe. Da entstand Feindschaft zwischen den Giukungen und Atli. Denn er beschuldigte die Giukungen, sie seien an Brünhilds Tod schuld. Da verglichen sie sich dahin, daß sie ihm Gudrun zur Ehe gäben. Dieser aber  gaben sie einen Vergessenheitstrank zu trinken ehe sie einwilligte,  daß sie dem Atli vermählt würde. Atlis Söhne waren Erp und Eitil; aber Gudruns Tochter von Sigurd war Swanhild. König Atli lud  Gunnar und Högni zum Gastgebot, wozu er sich als Boten des  Wingi oder Knefröd bediente. Gudrun ahnte Tücke und schickte in runischen Zeichen Warnungsworte, daß sie nicht kommen sollten,  und zum Wahrzeichen schickte sie dem Högni den Ring Andwaranaut, an den sie Wolfshaare knüpfte. Gunnar hatte Oddrun, Atlis  Schwester, zur Gemahlin begehrt, aber nicht erhalten. Da vermählte er sich der Glaumwör und Högni der Kostbera. Deren Söhne waren  Solar und Snäwar und Giuki. Als aber die Giukungen zu Atli  kamen, da bat Gudrun ihre Söhne, daß sie der Giukungen Leben erbäten; aber sie wollten das nicht. Dem Högni ward das Herz ausgeschnitten und Gunnar in den Schlangenturm geworfen. Er schlug die Harfe und sang die Schlangen in den Schlaf; aber eine Natter durchbohrte ihn bis zur Leber.



31. Gudrunarkvida önnur

Das andere Gudrunenlied

König Dietrich war bei Atli und hatte dort die meisten seiner Mannen verloren. Dietrich und Gudrun klagten einander ihr Leid. Sie sprach zu ihm und sang:

1 Die Maid der Maide erzog mich, die Mutter
Im leuchtenden Saal. Ich liebte die Brüder,
Bis mich Giuki mit Gold bereifte,
Mit Gold bereifte und Sigurden gab.

2 So war Sigurd bei den Söhnen Giukis
Wie über Halme sich hebt edler Lauch,
Wie hoch der Hirsch ragt über Hasen und Füchse
Und glutrotes Gold scheint über graues Silber.

3 Bis mir nicht gönnen mochten die Brüder
Den Helden zu haben, den hehrsten aller.
Sie mochten nicht ruhen, nicht richten und schlichten
Bis sie Sigurden erschlagen ließen.

4 Vom Thinge traurig traben hört ich Grani;
Sigurden selber sah ich nicht.
Alle Rosse waren rot von Blut
Und in Schweiß geschlagen von den Schachern.

5 Gramvoll ging ich mit Grani reden,
Befragte das Pferd mit der feuchten Wange;
Da senkte Grani ins Gras das Haupt:
Wohl wußte der Hengst, sein Herr sei tot.

6 Lange zaudert ich, zweifelte lange
Bevor ich den Volkshirten frug nach dem König.

7 Gunnar hing das Haupt; doch Högni sagte
Mir meines Sigurd mordlichen Tod:
"Jenseits des Stroms erschlagen liegt er,
Den Guthorm fällte, zum Fraß den Wölfen.

8 Sieh den Sigurd gegen Süden dort,
Höre Krähen krächzen und Raben,
Adler jauchzen der Atzung froh,
Und Wölfe heulen um deinen Helden." -

9 "Wie hast du mir, Högni, des Harms soviel,
Dem wonnewaisen Weibe gesagt?
Daß Raben und Falken das Herz dir zerführten
Weiter über Land als du Leute kennst!"

10 Högni antwortete mit einem Mal
Des sanften Sinnes mit Schmerz beraubt:
"Das gäbe dir, Gudrun, erst Grund zu weinen,
Wenn mir auch die Raben zerrissen das Herz!"

11 Vor ihrem Anblick einsam ging ich da,
Die Brocken zu lesen von der Wölfe Leichenschmaus.
Ich schluchzte nicht, noch schlug ich die Hände,
Brach nicht in Klagen aus wie Brauch ist der Frauen,
Da ich schmerzvoll saß über Sigurden.

12 Die Nacht dauchte mich neumonddunkel,
Da ich sorgend saß über Sigurds Leiche.
Viel sanfter würden die Wölfe mir scheinen,
Ließen sie mich das Leben missen,
Oder brennte man mich wie Birkenholz.

13 Ich fuhr aus dem Forst; nach der fünften Nacht
Naht ich den hohen Hallen Alfs.
Sieben Halbjahre saß ich bei Thora,
"Hakons Maid in Dänemark.

14 In Gold stickte sie mich zu zerstreuen
In Südlandsälen dänische Wikinge.

15 Wir bildeten künstlich der Krieger Spiele,
Die Helden der Herrscher in Handgewirke;
Rote Ränder, Recken des Hunnenlands,
Mit Helm und Harnisch der Herrscher Geleit.

16 Vom Strande segelten Sigmunds Rosse
Mit goldnem Schiffshaupt, geschnitztem Steuer.
Wir wirkten und webten die Waffentaten
Sigmunds und Siggeirs südlich in Fione.

17 Da hörte Grimhild, die Gotenfürstin,
Wie tief ihre Tochter betraure den Gemahl.
Sie warf ihr Gewebe fort, winkte den Söhnen,
Das zu erfahren trug sie und sprach:
Wer Buße wolle der Schwester bieten,
Den erschlagnen Gatten vergelten der Frau?

18 Gunnar erbot sich ihr Gold zu bieten,
Ihren Harm zu sühnen, und so auch Högni.
Da fragte sie ferner, wer fahren wolle
Die Säumer zu satteln, die Wagen zu schirren,
Den Hengst zu tummeln, den Habicht zu werfen,
Den Bolzen zu schießen vom Eibenbogen?

19 Waldar den Dänen und Jarisleif,
Eimod zum dritten und Jarisskar
Führten sie vor mich, Fürsten gleich.
Rote Waffenröcke trugen des Langbärtgen Recken,
Hohe Helme und helle Brünnen,
Breite Schwerter, die braungelockten.

20 Ein jeder verhieß mir herrlichen Schmuck,
Herrlichen Schmuck mit schmeichelnden Reden,
Ob sie mich möchten für manches Leid
Auf Trost vertrösten; aber ich traute nicht.

Grimhild brachte den Becher mir dar,
Den kalten, herben, daß ich Harms vergäße.
Der Kelch war gekräftigt aus der Quelle Urds,
Mit urkalter See und sühnendem Blut.

22 In das Horn hatten sie allerhand Stäbe
Rötlich geritzt; ich erriet sie nicht.
Den langen Lindwurm des Lands der Haddinge,
Ungeschnittne Ähre und Eingang von Tieren.

23 Im Gebrauten beisammen war Bosheit viel,
Allerlei Wurzeln und Waldeckern,
Tau des Herdes und Tiergeweide,
Gesottne Schweinsleber, die den Schmerz betäubt.

24 So vergeben vergaß ich da
Der Gespräche Sigurds all im Saal.
Könige kamen vor die Knie mir drei
Ehe sie selber naht und sagte:

25 "Ich gebe dir, Gudrun, das Gold empfange,
Dein volles Erbgut nach des Vaters Tod,
Blanke Ringe, die Burgen Hlödwers
Und des toten Fürsten Fährniß all.

26 Hunnische Töchter, die Teppiche wirken
Und Goldgürtel dich zu ergötzen.
Du allein sollst schalten über die Schätze Budlis
Mit Gold begabt als die Gattin Atlis."

Gudrun:
27 Keinem Manne mehr will ich vermählt sein,
Noch Brünhildens Bruder haben.
Mir geziemt nicht mit dem Erzeugten Budlis
Das Geschlecht zu mehren und zusammen zu leben.

Grimhild:
28 Nicht wolle den Harm den Helden vergelten,
Begannen wir Giukungen gleich den Zwist.
So sollst du lassen als lebten dir beide,
Sigurd und Sigmund, wenn du Söhne gewinnst.

Gudrun:
29 Nicht mag ich mich mehr ermuntern, Grimhild,
Und keinem Helden Hoffnung gewähren,
Seit ich schwelgen an Sigurds Herzblut
Den Raben sah, den raubgierigen.

Grimhild:
30 Ihn hab ich von allen den edelstgebornen
Der Fürsten befunden und in vielem den besten.
So freie den Fürsten: bis dich fesselt das Alter
Wirst du verwaist sein, wählst du nicht ihn.

Gudrun:
31 Biete mir nicht das bosheitvolle,
So aufdringlich mir dieses Geschlecht.
Dem Gunnar gibt er grimmen Tod,
Schneidet dem Högni das Herz aus dem Leibe.
Nicht fand ich dann Frieden bevor ich das Leben
Gekürzt dem freveln Kriegsbrandschürer. -

32 Mit Grausen hörte Grimhild das Wort,
Denn ihren Kindern kündet es Verderben
Und den Untergang all ihrem Geschlecht.

Grimhild:
33 Noch leih ich dir Land und Leute viel,
Winbjörg, Walbjörg, willst du sie haben.
Nimm sie lebenslang und laß den Zorn.

Gudrun:
34. Nun will ich ihn kiesen unter den Königen;
Doch wider Willen, auf der Freunde Wunsch.
Nie wird der Gatte Glück mir bringen,
Meine Söhne büßen der Brüder Mord. -

35 Rasch auf die Rosse saßen die Recken da,
Die welschen Weiber zu Wagen hoben sie.
Sieben Tage durchtrabten wir kaltes Land,
Über See setzten wir sieben andre,
Durch dürre Steppen ging's die dritten sieben.

36 Da hoben die Wächter der hohen Burg
Das Gitter empor: durch die Pforte ritten wir.
Atli weckte mich; aber ich schien ihm
Der Vorahnung voll von der Freunde Tod.

Atli:
37 So haben auch neulich mich Nornen geweckt;
Vergönnte das Graunbild günstige Deutung!
Ich wähnte dich, Gudrun, Giukis Tochter,
Mir die Brust durchbohren mit blankem Dolch.

Gudrun:
38 Der Traum von Dolchen bedeutet Feuer,
Holde Heimlichkeit der Hausfrau Zorn.
Ich brenne dir bald ein böses Geschwür aus,
Ich heile und lindre, wie leid du mir seist.

Atli:
39 Reiser im Garten sah ich ausgerissen,
Die ich da wachsen lassen wollte.
Entrauft mit der Wurzel, gerötet im Blut
Und aufgetragen, daß ich sie äße.

40 Ich sah von der Hand mir Habichte fliegen
Ohne Atzung, dem Untergang zu.
Ihre Herzen wähnt ich mit Honig zu essen
Sorgenschwer geschwollen von Blut.

41 Welpen wähnt ich entwänden sich mir,
Ich hörte sie harmvoll heulen und wimmern.
Ihr Fleisch, furcht ich, war faul geworden:
Mit Ekel aß ich von dem Aase da.

Gudrun:
42 Dir werden Schacher im Schlafgemach richten,
Den Lichtgelockten die Häupter lösen:
Sie werden erschlagen nach wenig Nächten,
Kurz vor Tag, und aufgetischt. -

43 Seitdem lieg ich den Schlummer meidend
Trotzig im Bette: tun will ich so.


32. Gudrunarkvida thridja

Das dritte Gudrunenlied

Herkia hieß eine Magd Atlis, die seine Geliebte gewesen war. Sie sagte dem Atli, sie habe Dietrich und Gudrun beide beisammen gesehen. Darüber ward Atli sehr verstört. Gudrun sprach:

1 Was ist dir, Atli, du Erbe Budlis?
Was belädt dir das Herz? Du lachst nicht mehr.
Vielen Fürsten gefiel es besser,
Sprächst du mit den Leuten und sähst mich an.

Atli:
2 Mich grämt, Gudrun, Giukis Tochter,
Was hier in der Halle mir Herkia sagte:
Unter einer Decke mit Dietrich schliefst du,
Los in das Leintuch lagt ihr gehüllt.

Gudrun:
3 Über das alles Eide leist ich dir
Bei jenem geweihten weißen Stein,
Daß ich mit Dietmars Sohne nicht zu schaffen hatte
Was dem Herren gehört und dem Gatten.

4 Hab ich den Herzog umhalst etwa,
Den unbescholtnen einmal vielleicht,
Auf andres zielten unsre Gedanken,
Da harmvoll Zwiegespräch wir zweie hielten.

5 Zu dir kam Dietrich mit dreißig Mannen:
Nicht einer lebt ihm von allen dreißigen.
Bring deine Brüder in Brünnen hierher,
Mit deinem nächsten Neffen umgib mich.

6 Bescheide der Sachsen, der südlichen, Fürsten,
Der zu weihen weiß den heiligen Kessel. -

7 In die Halle traten siebenhundert Helden
Eh die Hand die Königin in den Kessel tauchte.

Gudrun:
8 Nicht kommt mir Gunnar, nicht klag ich's dem Högni,
Nie soll ich mehr sehen die süßen Brüder.
Rächen würde Högni den Harm mit dem Schwert.
So muß ich selber von Schuld mich reinigen. -

9 Sie tauchte die weiße Hand in die Tiefe,
Griff aus dem Grunde die grünen Steine:
"Schaut nun, Fürsten, schuldlos bin ich,
Heil und heilig, wie der Hafen walle."

10 Da lachte dem Atli im Leibe das Herz
Als er heil sah die Hände Gudruns:
"So soll nun Herkia zum Hafen treten,
Welche der Gudrun wähnte zu schaden."

11 Nie sah Klägliches wer nicht gesehn hat
Wie da Herkias Hände verbrannten.
Sie führten die Maid zum faulenden Sumpf:
So ward Gudrun vergolten der Harm.


33. Oddrunargratr

Oddruns Klage

Heidrek hieß ein König, seine Tochter hieß Borgny und Wilmund ihr Geliebter. Sie konnte nicht gebären bis Oddrun hinzu kam, Atlis Schwester. Die war Gunnars Geliebte gewesen, des Sohnes Giukis. Von dieser Sage ist hier die Rede.

1 Ich hörte sagen in alten Geschichten,
Daß eine Maid kam gen Morgenland.
Niemand wußte auf weiter Erde
Der Tochter Heidreks Hilfe zu leisten.

2 Das hörte Oddrun, Atlis Schwester,
In schweren Wehen winde die Jungfrau sich.
Sie zog aus dem Stalle den scharfgezäumten
Und schwang dem Schwarzgaul den Sattel auf.

3 Sie spornte den schnellen den ebnen Sandweg
Bis sie die hohe Halle stehn sah.
Von des Rosses Rücken riß sie den Sattel,
Trat ein und schritt den Saal entlang.
Dies war das erste Wort, das sie sprach:

4 "In diesen Gauen gibt es was neues?
Was hört man Gutes in Hunnenland?"

Eine Magd:
5 Borgny liegt hier überbürdet mit Schmerzen,
Deine Freundin, Oddrun: eil ihr zur Hilfe.

Oddrun:
6 Welcher der Fürsten fügte den Schimpf dir?
Warum ist so bitter Borgnys Qual?

Die Magd:
7 Wilmund heißt des Herrschers Vertrauter:
Er wand die Maid in warme Decken
Fünf volle Winter ohne des Vaters Wissen. -

8 Sie sprachen, dünkt mich, dies und nicht mehr.
Mildreich saß sie der Maid vor die Knie.
Kräftig sang Oddrun, mächtig sang Oddrun
Zauberlieder der Borgny zu.

9 Da konnte den Kiesweg Knab und Mädchen treten,
Holde Sprößlinge des Högnitöters.
Zu sprechen säumte nicht die sieche Maid;
Dies war das erste Wort, das sie sprach:

10 "So mögen milde Mächte dir helfen,
Frigg und Freyja und viel der Götter,
Wie du mich befreitest aus fährlicher Not."

Oddrun :
11 Nicht hüb ich mich her dir Hilfe zu bringen
Weil du es wert wärst gewesen irgend.
Ich gelobte, und leistete mein Gelübde jetzt,
Beistand zu leisten allen Leidenden,
Als die Edlinge das Erbe teilten.

Borgny:
12 Irr bist du, Oddrun, und ohne Besinnung,
Daß du im Eifer also sprichst.
Wir lebten doch lange im Lande zusammen
Zärtlich, wie zweier Brüder Erzeugte.

Oddrun:
13 Wohl noch weiß ich, wie du des Abends sprachst,
Als ich Gunnarn das Gastmahl bereitete:
So arge Unsitte, sprachst du eifernd,
Werde nach mir keine Maid mehr üben. -

14 Da setzte sich nieder die Sorgenmüde,
Ihr Leid zu künden aus des Kummers Fülle:

Oddrun:
15 Ich wuchs empor in prächtiger Halle,
Mich lobten viele und keinem mißfiel es;
Doch freut ich der Jugend und des Vaterguts
Mich der Winter fünf nur bei des Vaters Leben.

16 Da war es das letzte Wort, das er sprach
Bevor er starb der stolze König:

17 Mit rotem Golde begaben hieß er mich
Und südwärts senden dem Sohne Grimhilds.
Bründhilden hieß er den Helm zu tragen,
Weil sie Wunschmagd zu werden bestimmt sei.
Es mög unterm Monde so edle Maid
Nicht geben, wenn günstig der Gott mir bleibe.

18 Brünhild wirkte Borten am Rahmen;
Sie hätte Land und Leute vor sich.
Erde schlief noch und Überhimmel,
Als die Burg ersah der Besieger Fafnirs.

19 Kampf ward gekämpft mit welscher Klinge
Und gebrochen die Burg, da Brünhild saß.
Nicht lange währt es, nur wunderkurz,
So kannte sie alle die schlauen Künste.

20 Die Sachen suchte sie so schwer zu rächen,
Daß wir alle üble Arbeit gewannen.
Das weiß man soweit als Menschen wohnen
Wie sie bei Sigurd sich selber tötete.

21 Aber schon günstig dem Gunnar war ich,
Dem Burgverschenker, wie Brünhild gesollt.

22 Rote Ringe boten die Recken gleich
Meinem Bruder und Bußen viel.
Für mich bot Gunnar der Güter fünfzehn
Und Granis Rückenlast, wenn er es gerne nähme.

23 Das weigerte Atli: er wolle nicht,
Daß ihm Brautgabe gäben Giukis Söhne.
Doch wir mochten nicht mehr die Minne bezwingen,
Wenn ich des Ringbrechers Haupt nicht berührte.

24 Da murmelten manche meiner Verwandten,
Sie hätten uns beide auf Buhlschaft betroffen.
Aber Atli meinte, solch Unrecht würd ich
Schwerlich begehen, mir Schande zu machen.
Doch solches sollte, so sicher niemand
Von den andern leugnen, wo Liebe waltet.

25 Seine Späher sandte Atli,
Im tiefen Tann mein Tun zu belauschen.
Sie kamen, wohin sie nicht kommen sollten:
Wo wir selbander lagen unter einem Linnen.

26 Rote Ringe den Recken boten wir,
Daß sie dem Atli alles verschwiegen,
Aber alles dem Atli sagten sie;
Sie hatten Hast nach Haus zu kommen.

27 Aber der Gudrun gänzlich hehlten sie's,
Der es zu wissen doch doppelt geziemte.

28 Goldhufige Hengste hörte man traben,
Da die Söhne Giukis in den Schloßhof ritten.
Man hieb dem Högni das Herz aus dem Leibe
Und senkte den Gunnar in den Schlangenturm.

29 Nun war ich einst wie öfter geschah
Zu Geirmund gegangen das Gastmahl zu rüsten.
Der hohe Herrscher begann zu harfen:
Hoffnung hegte der hochgeborne
König, ich könnt ihm zu Hilfe kommen.

30 Da hört ich, und lauschte von Hlesey her,
Wie harmvoll schollen die Saitenstränge.

31 Ich mahnte die Mägde mit mir zu eilen:
Fristen wollt ich dem Fürsten das Leben.
Wir führten das Fahrzeug dem Forst vorbei
Bis wir Atlis Wohnungen alle gewährten.

32 Da hinkte her die heillose
Mutter Atlis: möchte sie faulen!
Und grub sich ganz in Gunnars Herz,
Daß ich den ruhmreichen nicht retten mochte.

33 Oft verwundert mich, Wurmbettgeschmückte!
Wie ich nun länger noch leben möge,
Die den Gewaltigen wähnte zu lieben,
Den Schwertverschenker, mir selber gleich.

34 Du saßest und lauschtest, dieweil ich dir sagte
Unermeßliches Leid, meines und ihres.
Wir alle leben nach eignem Geschick:
Hier ist Oddruns Klage zu Ende.


34. Atlakvida

Die Sage von Atli

Gudrun, Giukis Tochter, rächte den Tod ihrer Brüder, wie das weltberühmt ist. Sie tötete zuerst Atlis Söhne, darauf tötete sie den Atli selbst und verbrannte die Halle mit allem Gesinde. Davon ist diese Sage gedichtet:

1 Atli sandte einst zu Gunnar
Einen klugen Boten, Knefröd genannt.
Er kam zu Giukis Hof und Gunnars Halle,
An der Bank des Herdes zu süßem Gebräude.

2 Das Gesinde trank - noch schwiegen die Listigen -
In der Halle den Wein in Furcht vor den Hunnen.
Da kündete Knefröd mit kalter Stimme,
Der südliche Gesandte; er saß auf der Hochbank:

3 "Sein Geschäft zu bestellen, sandte mich Atli
Auf knirschendem Roß durch den unkunden Dunkelwald,
Auf seine Bänke euch zu bitten, Gunnar:
In häuslichen Hüllen suchet Atli heim.

4 Da mögt ihr Schilde wählen und geschabte Eschen,
Hellgoldne Helme und hunnische Schwerter,
Schabracken goldsilbern, schlachtrote Panzer,
Geschoß krümmende, und knirschende Rosse.

5 Er gibt euch auch gerne die weite Gnitaheide,
Gellenden Ger nebst goldnem Steven,
Herrliche Schätze und Städte Danps,
Und das schöne Gesträuch, Schwarzwald genannt."

6 Das Haupt wandte Gunnar, zu Högni sprach er:
"Was rätst du uns, Rascher, auf solche Rede?"
"Gold wußt ich nie auf Gnitaheide,
Daß wir nicht sollten so gutes besitzen.

7 Sieben Säle haben wir der Schwerter voll,
Gold glänzen die Griffe jedem.
Mein Schwert ist das schärfste, der schnellste mein Hengst,
Die Bank zieren Bogen und Brünnen von Gold,
Hell glänzen Helm und Schild aus Kjars Halle gebracht.
Ich achte meine für besser als alle hunnischen.

8 Was riet uns die Schwester, die den Ring uns sandte,
In Wolfskleid gewickelt? Sie warnt uns, dünkt mich.
Mit Wolfshaar umwunden gewahrt ich den roten Ring:
Gefährlich ist die Fahrt, die wir fahren sollen." -

9 Nicht rieten's die Neffen, noch die nächsten Verwandten,
Nicht Rauner und Rater noch reiche Fürsten.
Gunnar gebot da, so gebührt es dem König,
Munter beim Mahl aus mutiger Seele:

10 "Steh nun auf, Fiörnir, laß um die Sitze kreisen
Der Helden Goldhörner durch die Hände der Knechte.

11 Der Wolf wird des Erbes der Niflungen walten
Mit grauen Granen, wenn Gunnar erliegt;
Braunzottge Bären das Bauland zerwühlen
Zur Ergötzung der Hunde, kehrt Gunnar nicht heim."

12 Den Landherrn geleiteten herrliche Leute,
Den Schlachtordner, seufzend aus den Sälen Giukis.
Da sprach der junge Hüter des högnischen Erbes:
"Fahrt nun froh und heil, wohin euch der Geist führt."

13 Über Felsen fliegen freudig ließen sie
Die knirschenden Pferde durch den unkunden Dunkelwald.
Die Hunnenmark hallte, wo die Hartmutgen fuhren,
Durch tiefgrüne Täler, trabten, baumhassende.

14 Himmelhoch in Atlis Land hoben die Warten sich.
Sie sahn Verräter stehn auf der steilen Felsburg,
Den Saal des Südervolks mit Sitzen umgeben,
Gebundenen Rändern und blanken Schilden,
Lanzen betäubenden: da trank König Atli
Den Wein im Waffensaal; Wächter saßen draußen
Gunnars Kriegern zu wehren, wenn sie geritten kämen
Mit hallenden Spießen, dem Herrscher Streit zu wecken.

15 Ihre Schwester sah dem Saale sich nahen
Die Brüder beide, wohl war sie bei sich.
"Verraten bist du, Gunnar! Reicher, wie wehrst du
Hunnischer Hinterlist? Aus dem Hofe eile bald.

16 Besser die Brünne, Bruder, trügst du
Als in häuslichen Hüllen Atli heimzusuchen.
Säßest besser im Sattel den sonnenhellen Tag
Und ließest bleiche Leichen leide Nornen klagen,
Hunnische Schildmägde Harm erdulden,
Senktest Atli selber in den Schlangenturm.
Nun werdet den Wurmsaal bewohnen ihr beiden." -

17 "Zu spät ist's, Schwester, nun, die Niflungen zu sammeln,
Zu lang dem Geleite in dies Land ist der Weg
Durch rauhes Rheingebirg untadligen Recken."

18 Da fingen sie Gunnarn und fesselten ihn
Mit schweren Banden, der Burgunden Schwäger.

19 Sieben schlug Högni mit scharfer Waffe;
Den achten warf er in heiße Ofenglut:
So soll sich der Wackre wahren vor Feinden.

20 Högni wehrte Gewalt von Gunnar.
Sie fragten den Fürsten, ob Freiheit und Leben
Der Gotenkönig mit Gold wolle kaufen.

21 "Mir soll Högnis Herz in Händen liegen:
Blutig aus der Brust des besten Reiters
Schneid es das Schwert aus dem Königssohn."

22 Sie hieben das Herz da aus Hiallis Brust:
Blutig auf der Schüssel brachten sie's Gunnarn.

23 Da sagte Gunnar, der Goten Fürst:
"Hier hab ich Hiallis Herz des blöden,
Ungleich dem Herzen Högnis des kühnen.
Es schüttert sehr hier auf der Schüssel noch;
Da die Brust es barg bebt es noch mehr."

24 Hell lachte Högni, da sie das Herz ihm schnitten.
Keiner Klage gedachte der kühne Helmschmied.
Blutig auf der Schüssel brachten sie's Gunnarn.

25 Froh sprach Gunnar, der fromme Niflung:
"Hier hab ich das Herz Högnis des kühnen,
Ungleich dem Herzen Hiallis des blöden.
Man sieht es nicht schüttern auf der Schüssel hier;
Da die Brust es barg bebt es noch minder.

26 Bleib, Atli, nun aller Augen so fern,
Wie du stets den Schätzen sollst verbleiben.
Allein weiß ich nun um den verborgnen
Hort der Niflungen, da Högni tot ist.

27 Zweifel hegt ich zwar, da wir zweie waren;
Nun ich nur übrig bin, ängst ich mich nicht mehr.
Nur der Rhein soll schalten mit dem verderblichen Schatz,
Er kennt das asenverwandte Erbe der Niflungen.
In der Woge gewälzt glühn die Waldringe mehr
Denn hier in den Händen der Hunnensöhne." -

28 "Herbei nun mit dem Wagen! In Banden ist der Held."

29 Auf mutger Mähre fuhr der mächtige Atli,
Von Schwertern bewacht sein Schwager daher.
Mit Harm sah Gudrun der Helden Leid:
Den Tränen wehrend trat sie in die tosende Menge:

30 "So ergeh es dir, Atli, wie du Gunnarn hältst
Oft geschworen Eide, die ihr einst gelobt
Bei der südlichen Sonne, bei des Sieggotts Burg,
Bei des Ehbetts Frieden, bei Ullers Ring."
Doch führte zum Tode den Führer der Kampfschar,
Den Hüter des Hortes ein knirschender Hengst.

31 Den lebenden Fürsten legte der Wächter Schar
In den tiefen Kerker: da krochen wimmelnd
Scheußliche Schlangen. Es schlug Gunnar
Da einsam zürnend mit den Zehen die Harfe.
Hell schollen die Saiten: so soll das Erz
Ein gabmilder König den gierigen wehren.

32 Heimlaufen ließ da Atli
Die knirschenden Rosse, kehrend vom Mord.
Es rauschte rings von der Rosse Drängen
Und der Krieger Waffenklang, da sie kamen von der Heide.

33 Da ging entgegen Gudrun dem Atli
Mit goldenem Kelch den König zu ehren:
"Heil König! Nun hast du in der Halle bei dir
Als Gudruns Gabe die Gere der Toten!"

34 Atlis Aelbecher ächzten gefüllt,
Da hier in der Halle die Hunnen sich scharten,
Rauhbärtge Recken gereiht je zwei.

35 Heiter schauend schritt sie ihnen Schalen zu reichen,
Die hehre Frau, den Fürsten, und Bissen vorzulegen;
Doch Atli erbleichte, da sie ihn anfuhr:

36 "Du hast deiner Söhne, Schwerterverteiler,
Blutige Herzen mit Honig gegessen.
Ich meinte. Mutiger, Menschenbraten
Liebtest du zu essen und zum Ehrensitz zu senden.

37 Nicht ziehst du künftig an die Knie dir
Erp noch Eitil, die Aelfrohen beiden;
Nie siehst du wieder vom hohen Sitze
Die Goldspender Gere schatten,
Mähnen schlichten und Mähren tummeln."

38 Da erscholl auf den Sitzen lautes Schrein der Männer,
Der Weiber ängstlicher Wehruf: sie weinten die Hunnensöhne.
Gudrun ganz allein nicht: die grimme weinte nie!
Nicht die bärkühnen Brüder noch die süßen Gebornen,
Die zarten, unmündgen, die sie mit Atli gezeugt.

39 Da säte Gold aus die Schwanenweiße,
Mit roten Ringen bereifte sie die Knechte.
Den Vorsatz zu vollführen ließ sie fließen das Erz;
Die Spenderin schonte der Schatzhäuser nicht.

40 Unklug hatte Atli sich übertrunken;
Unbewehrt war er, ungewarnt vor Gudrun.
Oft schien besser der Scherz, wenn sanft die beiden
Sich öfters umarmten vor den Edelingen.

41 Mit dem Dolch gab sie Blut den Decken zu trinken
Mit mordlustger Hand; sie löste die Hunde;
Vor die Saaltür warf sie, das Gesinde weckend,
Die brennende Brandfackel die Brüder zu rächen.

42 Alles Volk in der Veste dem Feuer gab sie,
Die Högnis Schlächter und Gunnars aus dem Schwarzwald kehrten.
Die alten Säle sanken, die Schatzkammern rauchten,
Der Budlungen Bau; da brannten die Schildmägde
Um die Jugend betrogen jäh in heißer Glut.

43 Nicht ferner verfolg ich's; keine Frau wird nun
Die Brünne mehr tragen und die Brüder rächen.
Volkskönge drei hat die edle Frau
In den Tod gesandt eh sie selber erlag.

Ausführlicher ist dies in dem grönländischen Atlamal erzählt.



35. Atlamal in Groenlenzku

Das Lied von Atli

1 Die Welt weiß die Untat, wie weiland Männer
Huben Rat zu halten, und den heimlichen Vorsatz
Mit Schwüren bestärkten. Sie selber büßten es
Und die Erben Giukis, die arg betrognen.

2 Die Fürsten erfaßte ihr feindlich Geschick.
Übel beriet sich Atli bei aller Klugheit:
Die Stütze stürzt er sich im Streit mit sich selbst.
Er sandte schnelle Boten daß seine Schwäger kämen.

3 Die schlaue Hausfrau sann auf Mannesklugheit;
Sie wußte die Worte, die heimlich gewechselten.
In Not war die Weise, die sie retten wollte:
Die Gesandten sollten segeln, sie selbst daheim sein.

4 Da ritzte sie Runen: die verritzte Wingi
Eh er sie abgab, der Unheilstifter.
Die Schiffe steuerten die Gesandten Atlis
Durch den armreichen Sund, wo die Schnellen wohnten.

5 Bei festlicher Freude ward Feuer gezündet;
Ob ihrer Ankunft nicht ahnten sie Trug.
Die der Schwager geschickt, die Geschenke nahmen sie
Und hingen sie arglos auf an der Säule.

6 Högnis Hausfrau hört es, Kostbera.
Da ging die kluge und grüßte die Boten.
Auch Glaumwör, Gunnars Gattin freute sich;
Sie gedachte der Pflicht und pflegte die Gäste.

7 Sie luden auch Högni, ob er dann lieber käme:
Offen war die Arglist, beachteten sie's.
Da verhieß es Gunnar, wenn Högni wolle;
Doch Högni bestritt was der Herrscher dafür sprach.

8 Met brachten die Maide, es mangelte nichts;
Die Füllhörner kreisten bis es völlig genug schien.
Gebettet ward den Boten aufs allerbeste.

9 Klug war Kostbera und kundig der Runen.
Sie besah die Lautstäbe bei des Lichtes Schein,
Und zwang die Zunge zu zwiefachem Anschlag:
Denn sie schienen umgeschnitzt und schwer zu erraten.

10 Zu Bette ging sie mit dem Gatten darauf.
Die Leutselge träumte; auch leugnet es nicht
Die weise dem Gemahl, als er morgens erwachte.

11 "Von Haus willst du, Högni: hüte dich wohl.
Nicht viele sind vollklug: fahr ein andermal.
Ich erriet die Runen, die dir ritzte die Schwester:
Nicht hat dich die lichte geladen zu Haus.

12 Eins fiel mir auf: ich ahne noch nicht
Was der weisen begegnete, so verworren zu schneiden.
Denn so war es angelegt, als lauschte darunter
Euch tückisch der Tod, trautet ihr der Ladung;
Doch ein Stab fiel aus, oder andre fälschten es."

Högni:
13 Mißtrauisch seid ihr; mir mangelt die Kunde,
Und laß es bewenden bis wir's zu lohnen haben.
Mit glutrotem Golde begabt uns der König.
Sah ich auch Schreckliches, ich scheue vor nichts.

Kostbera:
14 Übler Ausgang droht, wenn ihr dahin eilt,
Nicht freundlichen Empfang findet ihr diesmal.
Mir träumte heut, Högni, ich hehl es nicht:
Die Fahrt gefährdet euch, wenn mich Furcht nicht trügt.

15 Lichte Lohe sah ich dein Laken verzehren:
Hoch hob sich die Flamme meine Halle durchglühend.

Högni:
16 Hier liegt Leinwand, die ihr längst nicht mehr achtet:
Wie bald verbrennt sie! Bettzeug schien dir das.

Kostbera:
17 Ein Bär brach hier ein, der uns die Bänke verschob
Mit kratzenden Krammen: wir kreischten laut auf.
In den Rachen riß er uns; wir rührten uns nicht mehr.
Traun, das Getöse tobte nicht schlecht.

Högni:
18 Ein Ungewitter kommt über uns:
Ein Weißbär schien dir der Wintersturm.

Kostbera:
19 Einen Adler sah ich schweben all den Saal uns entlang.
Das büßen wir bald: mit Blut beträuft er uns;
Sein ängstendes Antlitz schien mir Atlis Hülle.

Högni:
20 Wir schlachten bald: da muß Blut wohl fließen;
Ochsen bedeutet's oft, wenn man von Adlern träumt.
Treue trägt uns Atli was dir auch träumen mag. -
Sie ließen es beruhn; alle Rede hat ein Ende.

21 Das Königspaar erwachte: da kam es auch so.
Glaumwör gedachte bedeutender Träume,
Die Gunnarn hin und her hinderten zu fahren.

Glaumwör:
22 Einen Galgen glaubt ich dir, Gunnar, gebaut.
Nattern nagten dich und noch lebtest du.
Die Welt ward mir wüst: was bedeutet das?

23 Aus der Brünne blinkte ein blutig Eisen;
Hart ist, solch Gesicht dem Geliebten sagen.
Der Ger ging dir ganz durch den Leib
Und Wölfe heulen hört ich zu beiden Seiten.

Gunnar:
24 Lose Hunde laufen mit lautem Gebell:
Kötergekläff verkündet der Lanzentraum.

Glaumwör:
25 Einen Strom sah ich schäumen den Saal hier entlang:
Er stieg und schwoll und überschwemmte die Bänke.
Euch Brüdern beiden zerbrach er die Füße;
Nichts dämmte die Flut: das bedeutet was.

26 Weiber sah ich, verstorbne, im Saal hier nachten,
Kampflich gekleidet, dich zu kiesen bedacht.
Alsbald auf ihre Bänke entboten sie dich:
Von dir schieden, besorg ich, die Schutzgöttinnen.

Gunnar:
27 Das sagst du zu spät, da es beschlossen ist:
Wir entfliehn der Fahrt nicht, die wir zu fahren gelobten.
Vieles läßt glauben, daß unser Leben kurz ist. -

28 Mit leuchtendem Lichte die reiselustigen
Eilten zum Aufbruch; andere ließen's.
Nur fünfe fuhren, und doppelt so viel nur
Des Gesindes noch, denn schlecht war's bedacht.
Snäwar und Solar waren Högnis Söhne;
Der fünfte fuhr Orkning in der Fürsten Zahl,
Der schnelle Schildträger, der Schwager Högnis.

29 Ihnen folgten die Frauen bis die Furt sie schied.
Stets hemmten die Holden; man hörte sie nicht.

30 Da begann Glaumwör, Gunnars Gemahl,
Zu Wingi gewandt wie ihr würdig schien:
"Ich weiß nicht, wie ihr guten Willen uns lohnt:
Hier warst du ein arger Gast, wenn Übels dort geschieht.'

31 Da verschwur sich Wingi und schonte sich wenig:
"Führe mich der Jote hin wofern ich euch log:
Am Galgen will ich hängen, heuchelt ich Frieden."

32 Da hub Bera an aus biederm Herzen:
"Segelt denn selig und Sieg geleit euch!
Werd es wie ich wünsche und wehre dem nichts."

33 Da hüb Högni an Freunden Heil erwünschend:
"Seid weis und wohlgemut, wie es ergehe!"
So sprechen viele, doch unterschiedlich ist's,
Denn manchem liegt wenig an dem Geleiter.

34 Sie sahen sich noch nach bis sie sich entschwanden;
Da teilten sich die Schicksale, schieden sich die Wege.

35 Sie ruderten kräftig, der Kiel schier zerbarst,
Schwenkten sich stark zurück mit eifrigen Schlägen:
Die Rührpflöcke rissen, die Ruder zerbrachen.
Unbefestigt blieb das Fahrzeug, da sie zu Lande fuhren.

36 Unlange wahrt es nun, laßt es mich kürzen,
So sahn sie die Burg stehn, die Budli besessen.
Laut klirrten die Riegel, da Högni klopfte.

37 Ein Wort sprach da Wingi, würd es verschwiegen!
"Fährt fern vom Hause; Gefahr bringt der Eintritt.
Leicht gingt ihr ins Garn, und gleich erschlägt man euch.
Ich trieb euch traulich, doch Trug stak darunter.
Oder bleibt auch hier, so bau ich euch den Galgen."

38 Dawider sprach Högni, nicht zu weichen bedacht;
Ihn ängstete gar nichts, wo es galt sich versuchen:
"Du sollst uns nicht schrecken, sieh, es gerät nicht:
Wagst du ein Wort noch, wird dir langes Übel."

39 Da hieben sie Wingi zu Hel ihn zu senden,
Gebrauchten der Äxte, bis der Atem ihm schwand.

40 Atli mit dem Volk fuhr in die Panzer.
Gerüstet rannten sie der Ringmauer zu.
Gewechselt wurden viel Worte des Zorns:
"Lange gelobt war's, euch das Leben zu rauben." -

41 "Wenig gewahrt man noch was ihr wider uns vorhabt.
Euch sehn wir unbereit; wir aber schlugen
Und erlahmten einen von euerm Geleit."

42 Wutgrimm wurden die das Wort vernahmen.
Sie reckten die Finger, faßten die Schnüre
Und schossen scharf, mit den Schilden sich deckend.

43 Nun ward es innen kund was außen geschah.
Sie hörten der Knechte Gespräch vor der Halle.

44 Der Grimm trieb Gudrunen, da sie das Graun vernahm:
Im Zorn zerrte sie die Zierde der Halsketten,
Schleuderte das Silber, daß die Ringe schlissen.

45 Aus ging sie, unsanft die Angeln schlagend,
Furchtlos trat sie vor und empfing die Gäste,
Liebkoste den Niflungen - der letzte Gruß war's -
Mit Herzen und Halsen; dann hub sie an und sprach noch:

46 "Ich sandt ein Sinnbild euch zu schrecken damit;
Dem Schicksal widersteht man nicht: ihr solltet nun kommen."
Noch vermitteln möchte sie's mit manchem klugen Wort;
Niemand riet dazu, nein, riefen alle.

47 Da sah die Seliggeborne den bittern Kampf begonnen.
Erkeckt zu kühner Tat warf sie das Kleid hin,
Schwang das bloße Schwert und schützte der Freunde Leben.
Behaglich war sie nicht im Kampf wohin sie kam.

48 Giukis Tochter traf tödlich zwei Männer.
Den Bruder Atlis schlug sie, daß man ihn bahren mußte:
Bis ein Fuß ihm fehlte focht sie mit ihm.
Den andern hieb sie also, daß er Aufstehns vergaß:
Den hatte sie zu Hel gesandt; ihre Hände bebten nicht.

49 So ward die Wehr hier, daß es weltkund ist;
Doch ging über alles gar was die Giukungen wirkten.
So lange sie lebten ließen die Niflungen
Die Schwerter schwirren, schwinden die Brünnen;
Helme zerhieben sie nach Herzensgelüsten.

50 Sie stritten den Morgen über Mittag hinaus,
Von erster Frühe zu voller Tageshöh.
Vom Blute floß das Feld, erfüllt war der Kampf.
Ihrer achtzehn fielen - die Feinde siegten -
Beiden Söhnen Beras und ihrem Bruder Orkning.

51 Atli begann grimmig das Wort:
"Üble Schau ist hier und Euer die Schuld.
Hier standen dreißig streitbare Degen;
Nur elfe sind übrig: zu arg ist die Lücke!
Fünf Brüder waren wir, als Budli starb:
Nun hat Hel die Hälfte, verhauen liegen zweie!

52 Herrliche Schwäger hätt ich, ich leugne es nicht;
Unweibliches Weib! Wenig genieß ich's.
Wir stimmten selten seit ich dich nahm.
Ihr habt mich des Reichtums beraubt und der Freunde,
Meine Schwester erschlagen: am schwersten härmt mich das!"

Gudrun:
53 Gedenkst du des, Atli! Du tatest zuerst so.
Du hast mir die Mutter ermordet um Schätze:
In der Höhle zu verhungern war der Hehren Los.
Lächerlich läßt es dir deines Leids zu gedenken:
Durch Gnade der Götter ergeht es dir übel.

Atli:
54 Nun mahn ich euch. Mannen, mehrt den Harm
Dem stolzen Weibe: das sah ich gern!
Erkämpft aus Kräften, daß Gudrun klagen müsse.
Das lüstet mich zu schaun, daß ihr Los sie schmerze.

55 Bemeistert euch Högnis, daß ein Messer ihn teile,
Reißt ihm das Herz aus, seid rasch zur Tat;
Den grimmen Gunnar, an den Galgen hängt ihn,
Knüpft scharf den Strang, ladet Schlangen dazu.

Högni:
56 Tu nach Gefallen, getrost erwart ich's:
Doch hart bewähr ich mich, der wohl Herberes litt.
Wir hielten euch Stand, da wir heil waren:
Nun sind wir so wund, du hast volle Gewalt. -

57 Da redete Beiti, der Burgwart Atlis:
"Laßt uns Hialli fangen und Högni schonen.
Uns hilft das halbe Werk, und ihm gehört sich das:
Wie lang er leben mag, ein Lump doch bleibt er."

58 Der Hafenhüter erschrak und hielt nicht Stand;
Er krisch und klagte und kroch in alle Winkel:
Ihr Streit bekam ihm schlecht, den er schuldlos büße;
Unselig sei der Tag, da er von der Schweinmast käme
Und der feisten Kost, der er lang sich erfreut.

59 Budlis Schergen zogen und schliffen das Messer;
Der arme Schalk schrie eh er die Schärfe fühlte:
Nicht zu alt noch war er die Äcker zu düngen;
Gern schaff er das Schmählichste, wenn er Schonung fände,
Und lache dazu, behielt er das Leben nur.

60 Högni beriet sich, so rasch tat es keiner,
Für den Gimpel zu bitten, daß er entginge.
"Dies Spiel besteh ich viel leichter selber:
Wer wollte weiter solch Gewinsel hören!"

61 Sie ergriffen den Guten: es gab keine Wahl mehr
Des raschen Recken Gericht zu verschieben.
Hell lachte Högni, es hörten die Männer
Wie kampflich er konnte die Qual erdulden.

62 Die Zither nahm Gunnar, mit den Zweigen der Füße
Könnt er sie schlagen, daß die Schönen klagten,
Die Helden sich härmten, die ihn hörten spielen.
Rat sagt er den Reichen, daß entzwei rissen Balken.

63 Die Teuern waren tot bei Tagesanbruch;
Ihnen überlebte allein die Tugend.

64 Stolz war Atli, stieg über beide,
Sagte Harm der Hehren und höhnte sie noch:
"Morgen ist's, Gudrun: du missest deine Holden.
Du selber hast Schuld, daß es so erging."

Gudrun:
65 Nun freust du dich, Atli, ihren Fall zu berichten.
Doch übel gereut's dich, wenn du alles weißt.
Was sie dir vermachten, ich meld es dir jetzt:
Stete Besorgnis; ich sterbe denn auch.

Atli:
66 Dem werd ich wehren, ich weiß andern Rat,
Noch halbmal hilfreichern; unser Heil verschmähn wir oft.
Mit Mägden tröst ich dich und manchem Kleinod,
Schneeweißem Silber wie du selbst es wählst.

Gudrun:
67 "Das wähne nimmer: ich sage nein dazu.
Sühne verschmäht ich eh solches erging.
Galt ich für grimmig, nun bin ich es gar;
Den Harm verhehlt ich dieweil Högni lebte.

68 Uns zogen sie auf in einem Hause,
Viel Spiele zusammen spielten wir im Walde.
Grimhild gab uns Gold und Halsschmuck.
Du magst mir nicht büßen meiner Brüder Mord:
Was du tust und lassest, leid ist mir alles.

69 Doch der Frauen Willen wandelt der Männer Gewalt.
Die Krone verdirbt, wenn die Zweige dorren;
Wenn der Bast gebricht, geht der Baum zu Grunde:
Du allein magst, Atli, aller Dinge nun walten."

70 Aus argem Unverstand schenkt ihr Atli Vertrauen;
Offen war die Arglist, hätt er geachtet drauf.
Schlau hehlte Gudrun des Herzens Meinung;
Leichtsinnig schien sie auf zwei Schultern zu tragen.

71 Ein Gelage ließ sie rüsten zum Leichenschmaus der Brüder;
Atli wollte auch seine Toten ehren.

72 Sie ließen die Rede, das Gelage zu beschicken,
Daß Füll und Überfluß bei der Feier war.
Streng war die Stolze den Entstammten Budlis:
Gegen den Gatten sann sie grause Rache.

Atli:
90 Zum Mord riß dich Wut, zum widernatürlichen.
Falsch ist's, den Freund täuschen, der fest vertraut.

91 Erbeten fuhr ich dich zu freien von Haus,
Die verwaiste Witwe, die wildherzig hieß:
Keine Lüge war es, das ließest du schauen.
Wir holten dich ein mit großem Heergeleit.
Alles war auserwählt bei unsrer Fahrt.

92 Aller Pracht war genug durch preiswerte Gäste,
Rinder in Vorrat, die uns reichlich nährten.
Fülle war und Überfluß, viele genossen es.

93 Zum Mahlschatz vermacht ich dir Menge des Schatzes,
Knechte zehnmal drei, und zierer Mägde sieben,
Ein schön Geschenk; des Silbers war viel mehr.

94 Das nahmst du alles hin als war es nichts,
Nach dem Lande verlangend, das Budli mir ließ.
Fallstricke flochtst du mir, ich empfing nichts andres.
Die Schwieger ließest du oft sitzen in Tränen;
Heiter hielten wir niemals Haus.

Gudrun:
95 Nun lügst du, Atli! Doch laß ich's bewenden.
Selten war ich sanft; doch sätest du Zwist.
Unbändig strittet ihr jungen Brüder,
Daß zu Hel die Hälfte deines Hauses fuhr:
Zu, Grunde ging alles, was Glück bringen sollte.

96 Wir drei Geschwister dauchten unbezwinglich;
Wir fuhren von Lande in Sigurds Gefolge,
Schweiften und steuerten, sein Schiff ein jeder,
Auf unsichern Ausgang ins östliche Land.

97 Einen Fürsten fällten wir; uns fiel sein Land zu.
Die Hersen huldigten: wir waren die Herrn.
Nach Willkür riefen wir aus dem Wald Verbannte,
Gaben dem die Macht, der keinen Deut besaß.

98 Jener Hunnische starb, mein Stand ward geniedert;
Herb war der Jungen Harm verwitwet zu heißen:
Doch härtere Qual war's, in Atlis Haus zu kommen
Der Vermählten des Mannes, den zu missen schwer war.

99 Nie kamst du vom Kampf, daß uns Kunde ward,
Du habest Streit gesucht und Sieg dir erfochten.
Stets wolltest du weichen, nicht Widerstand tun,
Dich heimlich halten, was Hohn schuf dem Fürsten.

Atli:
100 Nun lügst du, Gudrun! So linderst du nicht
Unser herbes Geschick, das hart ist beiden.
Gönne nun, Gudrun, durch deine Güte
Uns die letzte Ehre beim Leichenbegängnis.

Gudrun:
101 Einen Kiel will ich kaufen und gemalte Kiste,
Das Leintuch wachsen, das den Leib verhülle,
Auf alle Notdurft achten als ob wir uns liebten. -

102 Tot war nun Atli, die Freunde trauerten.
Da hielt die Hohe alle Verheißung.
Nun sann sich Gudrun selber zu töten;
Doch gelängt war ihr Leben, andrer Tod ihr verliehn.

103 Selig heißt seitdem dem solch eine kühne
Tochter gegönnt ist, wie Giuki zeugte.
In allen Landen überleben wird
Der Vermählten Feindschaft, wo sie Menschen hören.


36. Gudrunarhvot

Gudruns Aufreizung

Da ging Gudrun ans Meer, nachdem sie Atli getötet hatte. Sie ging in die See, sich umzubringen, mochte aber nicht versinken. Da wurde sie von den Fluten über den Sund getragen an das Land König Jonakurs. Der nahm sie zur Ehe. Ihre Söhne waren Sörli, Erp und Hamdir. Dort wurde Swanhild, Sigurds Tochter, erzogen und Jörmunrek, dem reichen, zur Ehe gegeben. Bei dem war Bicki: der gab den Rat, daß Randwer, des Königs Sohn, sie zur Ehe nähme. Das verriet Bicki dem König. Da ließ der König Randwern henken und Swanhilden von Pferden zertreten. Als Gudrun dies hörte, sprach sie den Söhnen zu.

1 Nie hört ich Worte so herzzerschneidend,
Aus tödlicher Trauer emporgetragen,
Als da die grimme Gudrun die Söhne
Zur Rache reizte mit der Rede Schärfe:

2 "Was sitzt ihr säumig, verschlaft das Leben?
Wie freut euch fürder noch frohes Gespräch,
Da Jörmunrek die blühend junge
Von Pferden zerstampfen ließ, eure Schwester,
Auf offenem Wege von weißen und schwarzen,
Grauen, gangzähmen gotischen Rossen.

3 Sehr ungleich seht ihr Gunnars Geschlechte,
Nicht hohes Herzens wie Högni war.
Ihr würdet ihr, wähn ich, nicht weigern die Rache,
Hättet ihr Mut wie meine Brüder
Und hunnischer Herrscher herben Sinn."

4 Da hub Hamdir an aus hohem Mut:
"Lässiger warst du wohl Högni zu loben,
Als er Sigurden vom Schlaf erweckte.
Deine Bettdecken waren, das blauweiße Stickwerk,
Rot von des Gatten Blut, ganz von dem Schwall bedeckt.

5 Zu rasch warst du mit der Rache der Brüder,
Die Söhne zu schlachten mit grausamem Sinn.
Wir könnten die junge nun an Jörmunrek
Atlis Söhnen gesellt, die Schwester, rächen.

6 Doch hole das Heergerät der Hunnenkönige,
Weil zum Waffenspiel du uns erwecktest."

7 Wie gerne ging da Gudrun zum Rüstsaal,
Nahm aus den Kisten königlichen Helmschmuck
Und breite Brünnen, brachte sie den Söhnen.
Die Mutigen luden den Mähren sich auf.

8 Da hub Hamdir an aus hohem Mut:
"Dir kehren nicht mehr die Mutter zu schauen
Die Fechter, gefällt im Volk der Goten,
Bis uns du allen das Erbmal rüstest,
Swanhilden gesamt und deinen Söhnen."

9 Ging da Gudrun, Giukis Tochter,
Bei Seite sitzen mit Leid beschwert.
Sie zählte der Freunde Unfälle sich auf,
Hin und her, die Harmbeschwerte:

10 "Drei Häuser hätt ich, drei Herdgluten,
Drei Gatten ward ich ins Haus begleitet.
Sigurd allein war mir werter als alle;
Meine Brüder haben ihn umgebracht.

11 So bittern Leides ward mir nicht Buße.
Noch mehr gedachten sie mich zu betrüben,
Als mich die Edlinge dem Atli gaben.

12 Die kühnen Knaben kost ich herbei:
Ich sollte nicht Sühne der Schmerzen gewinnen
Bis ich vom Halse hieb der Niflungen Haupt.

13 Den Nornen gram ging ich an den Strand,
Der Falschen Verfolgung wollt ich entfliehn.
Mich hoben, nicht schlangen die hohen Wellen:
Zu längerm Leben stieg ich ans Land.

14 Im neuen Ehebett hofft ich Verbesserung,
Zum dritten Mal vermählt einem König.
Kinder gewann ich zu Wächtern des Erbes,
Zu Schützern des Erbes die Söhne Jonakurs.

15 Mägde saßen um Swanhilden;
Der Erzeugten liebt ich zärtlicher keinen.
So schien Swanhild in meinen Sälen
Wie ein Sonnenstrahl die Sinne labte.

16 Ich gab ihr Gold und gutes Gewebe
Eh sie gegiftet ward ins Gotenreich.
Da hab ich den härmsten Harm empfunden,
Als die leuchtenden Locken Swanhildens
In den Staub stießen stampfende Rosse.

17 Das war mir das schwerste, als den Sigurd sie,
Den siegberaubten, mir erschlugen im Bett,
Und das am grimmsten, da Gunnarn dort
Das Leben fraßen die falschen Schlangen;
Aber am schärfsten schnitt mir ins Herz,
Da sie lebend zerteilten den tadellosen.

18 Viel Leides gedenkt mir, viel langen Kummers.
Säume nicht, Sigurd! Dein schimmernd Roß,
Das laufgeschwinde, lenk es hierher.
Nun sitzt hier weder Schnur noch Tochter,
Der Gudrun gäbe goldene Zierden.

19 Gedenke, Sigrud, was wir sprachen,
Da wir beide im Bette saßen:
Daß du kommen wollest. Kühner, zu mir
Aus der Halle der Hel, mich heimzuholen.

20 Schichtet nun, Jarle, die Eichenscheite,
Daß sie hoch sich heben unter dem Himmel,
Die leidvolle Brust mir das Feuer verbrenne,
Vor Hitze der Harm im Herzen schmelze.

21 Allen Männern werde sanfter zu Mut,
Allen Schönen lindre es die Schmerzen,
Wenn sie mein Harmlied zu Ende hören."


37. Hamdismal

Das Lied von Hamdir

1 Zeitig huben sich harmvolle Taten,
Als Alfe trauerten um des Tages Anbruch.
Zur Morgenstunde erwachen den Menschen
Die Sorgen alle, die Herzen beschweren.

2 Nicht heute war es, noch war es gestern,
Lange Zeit verlief seitdem,
Daß Gudrun trieb, die Tochter Giukis,
Die jungen Söhne Swanhilden zu rächen:

3 "Eure Schwester war es, Swanhild geheißen,
Die der stolze Jörmunrek von Gäulen zerstampfen ließ
Auf offnem Wege, weißen und schwarzen,
Grauen, gangzahmen, gotischen Rossen.

4 Verlassen lebt ihr, Lenker der Völker;
Ihr allein seid übrig von all meiner Sippe.
Ich auch bin einsam wie die Espe des Waldes:
Meine Freunde fielen wie der Föhre die Zweige,
Aller Lust bin ich ledig wie des Laubs ein Baum,
Wenn ihm ein Sommersturm die Zweige beschädigte.

5 Sehr ungleich seht ihr Gunnars Geschlechte
Nicht hohes Herzens wie Högni war.
Ihr würdet ihr, wähn ich, nicht weigern die Rache,
Hättet ihr Mut wie meine Brüder
Und hunnischer Herrscher herben Sinn."

6 Da hub Hamdir an aus hohem Mut:
Da hast du träger traun Högnis Tat gelobt,
Als sie den Sigurd vom Schlaf erweckten:
Du saßest im Bette und die Schacher lachten.

7 Deine Bettdecken flossen, die blauweißen,
Das künstliche Stickwerk, von des Kühnen Blut.
Sigurd erstarb; du saßest bei dem Toten
Dem Lachen gram, so lohnte dir Gunnar.

8 Den Atli zu strafen erschlugst du den Erp
Und Eitil dazu; aber am meisten
Schmerzt es dich selber. So sollte doch
Ein jeder gebrauchen des durchbohrenden Schwertes
Andern zu schaden, sich selber nicht."

9 Sörli sprach da aus weisem Sinn:
"Nicht will ich Worte wechseln mit der Mutter;
Doch eins gebricht an euern Reden:
Was verlangst du, Gudrun, das du vor Leid nicht sagst?

10 Du beklagst die Brüder und die holden Kinder
Und spornst zu Streit die Spätgebornen.
Du wirst dich, Gudrun, um uns auch grämen,
Wenn wir fern im Gefecht von den Rossen fielen." -

11 Unwirsch ritten sie aus dem Hofe.
Die tauigen Täler durchtrabten die Jünglinge
Auf hunnischen Mähren den Mord zu rächen.

12 Sie fanden Erp auf ihrem Wege,
Der kühn auf dem Rücken des Rosses spielte.
"Was hilft es, dem Blöden die Bahnen zu weisen?"
Sie schalten den Edeln unehlich geboren.

13 Sie fragten den Tapfern, da sie ihn trafen:
"Was würdest du fuchsiger Zwerg uns frommen?"

14 Erp gab zur Antwort, andrer Mutter Sohn:
"So will ich Beistand euch beiden leisten
Wie eine Hand der andern hilft,
Wie Fuß dem Fuß den Freunden helfen."

15 "Was frommt der Fuß dem Fuße wohl?
Mag eine Hand der andern helfen?"

16 Aus der Scheide rissen sie die scharfe Klinge,
Mit dem harten Eisen Hel zu erfreun.
Sie schwächten die Stärke sich selbst um ein Drittel,
Da ihr junger Bruder zu Boden stürzte.

17 Sie schüttelten die Hüllen, die Schneide bargen sie,
Kleideten, die Kämpen, sich in kampflich Gewand.
Sie fuhren weiter unheimliche Wege,
Sahn der Schwester Stiefsohn versehrt am Baum,
Am windkalten Wolfsbaum westlich der Burg,
Als rief er den Raben: da war übel rasten.

18 Laut in der Halle war's von lustigen Zechern:
Sie hörten der Hengste Hufschall nicht
Bis der sorgende Wächter das Horn erschallen ließ.

19 Sie eilten und sagten dem Jörmunrek,
Unter Helmen würden Helden erschaut:
"Gebt weislichen Rat, die Gewaltigen nahn:
Starken Männern zum Schaden zerstampft ward die Maid."

20 Jörmunrek schmunzelte und strich sich den Bart;
Nicht wollt er sein Streitgewand: er stritt mit dem Wein.
Das Schwarzhaupt schüttelt er, sah nach dem weißen Schild
Und kehrte keck den Kelch in der Hand:

21 "Selig schien ich mir, schaut ich hier
Hamdir und Sörli in meiner Halle.
Ich bände sie beide mit Bogensehnen,
An den Galgen hängt ich Giukis gute Kinder."

22 Da rief der Erhabne von hohen Stufen,
Der Waltende warnte seine Verwandten:
"Dürfen diese so Dreistes wagen,
Zwei Männer allein zehn hundert Goten
Binden und bändigen in der hohen Burg?"

23 Hall ward im Hofe, die Humpen stürzten
Und Männer ins Blut aus Menschenbrüsten.

24 Da hob Hamdir an aus hohem Mut:
"Ersehnst du, Jörmunrek, unser Erscheinen,
Der Vollbrüder beide in deiner Burg?
Nun siehst du die Füße, siehst deine Hände,
Jörmunrek, liegen und lodern in Glut."

25 Dawider hob sich der hohe Berater,
Den die Brünne barg, wie ein Bär hob er sich:
"Schleudert Steine, wenn Geschosse nicht haften
Noch scharfe Schwerter, auf die Söhne Jonakurs."

26 Da hob Hamdir an aus hohem Mut:
"Übel tatest du, Bruder, den Mund zu öffnen:
Oft aus dem Munde kommt übler Rat."

Sörli:
27 "Mut hast du, Hamdir, hättest du auch Weisheit!
Viel mangelt dem Mann, dem Mutterwitz fehlt.

28 Nun läge das Haupt, war Erp am Leben,
Unser tapfrer Bruder, den wir herwärts töteten,
Den raschen Recken; üble Disen reizten mich:
Den wir heilig sollten halten, den haben wir gefällt.

29 Nicht ziemt uns beiden, nach der Wölfe Beispiel
Uns selbst grimm zu sein wie der Nornen Grauhunde,
Die gefräßig sich fristen im öden Forst.

30 Schön stritten wir: wir sitzen auf Leichen,
Von uns gefällten, wie Adler auf Zweigen.
Hohen Ruhm erstritten wir, wir sterben heut oder morgen:
Den Abend sieht niemand wider der Nornen Spruch."

31 Da sank Sörli an des Saales Ende,
Hinter dem Hause fand Hamdir den Tod.
Dies ist das alte Hamdismal.


38. Grotta songr

Das Mühlenlied

1 Nun kamen wir her zu des Königs Haus
Vorwissende Frauen, Fenja und Menja.
Bei Frodi werden, Fridleifs Sohne,
Die mächtigen Maide als Mägde gehalten.

2 Man führte zur Mühle die Frauen alsbald,
Die Schrotsteine sollten sie rühren.
Er ließ ihnen länger nicht Ruhe lassen
Als solang er hörte die Mägde singen.

3 Da ließen sie knattern die knarrende Mühle:
"Umschwingen wir Starken den leichten Stein."
Nur mehr zu mahlen bat er die Mägde.

4 Sie sangen und schwangen den schnaubenden Stein
Bis Frodis Volk in Schlaf verfiel.
Da sang Menja, die mahlen sollte:

5 "Wir mahlen dem Frodi Macht und Reichtum
Und goldenes Gut auf des Glückes Mühle.
Er sitz' ihm im Schoß und schlaf auf Daunen
Nach Wunsch erwachend: das ist wohl gemahlen.

6 Nie soll hier einer dem andern schaden,
Hinterhalt legen, Unheil ersinnen,
Mit scharfem Schwerte nicht Wunden schlagen,
Und fand er gebunden des Bruders Mörder."

7 Da war es das erste Wort, das er sprach:
Haltet nicht länger ein als der Hauskuckuck schläft,
Oder nur während eine Weis ich singe.

8 "Nicht warst du, Frodi, vorsichtig genug,
Den Mannen holdselig, als du Mägde kauftest:
Auf Stärke sahst du und schönes Antlitz;
Achtetest ihrer Abkunft nicht.

9 "Hart war Hrungnir und hart sein Vater,
Doch stärker als sie scheint mir Thiassi.
Idi und Örnir sind unsere Väter,
Der Bergriesen Brüder, die uns beide zeugten.

10 Nicht war Grotti gekommen aus grauem Felsen,
Nicht der schwere Schrotstein aus dem Schoß der Erde,
Nicht rührte den Mandel des Bergriesen Tochter,
Wäre das wem der Menschen bewußt.

11 Wir waren Gespielen neun Winter lang,
Da unter der Erde man uns erzog:
Da übten wir Mägde schon manche Großtat,
Faßten Felsen sie fort zu rücken.

12 Wir wälzten die Steine zu den Riesenwohnungen:
Die Erd im Grunde begann zu zittern.
Wir stießen und stürzten den Stein, daß er ächzte,
Die ragende Felswand ward Menschen erreichbar.

13 Seitdem geschah's, daß in Schweden wir
Vorwissende Frauen die Heerschar führten,
Bären pirschten, Schilde brachen,
Entgegen gingen grau geschientem Heer.
Wir stürzten Stammfürsten, stürzten andre:
Gutthorm dem guten gaben wir Beistand,
Feierten nicht früher bis Knui fiel.

14 Solcherlei schufen wir Sommer und Winter
Bis wir als Kämpen wurden bekannt.
Mit scharfen Speeren schlugen wir Wunden
In Fleisch und Gebein und färbten die Klingen.

15 Nun sind wir gekommen zu des Königs Haus
Und werden unmenschlich als Mägde behandelt:
Grus frißt die Sohlen und Kälte die Glieder;
Wir mahlen dem Feinde: schlimm ist's bei Prodi.

16 Ruhet nun, Hände, raste nun, Stein,
Genug von mir gemahlen ist nun.
Doch haben die Hände hier nicht Ruhe
Bis Frodi meint genug sei gemahlen.

17 So greifet nun, Helden, zu harten Geren,
Zu triefenden Waffen. Erwache, Frodi!
Erwache, Frodi! Willst du lauschen
Unserm Singen und alten Sagen.

18 Feuer seh ich brennen östlich der Burg,
Kriegsbotschaft kommt, das verkündet die Glut.
Ein Heer ist im Anzug, eindringt es hier,
Und verbrennt alsbald die Burg dem Fürsten.

19 Nicht magst du mehr halten den Stuhl in Hieidra
Mit roten Spangen und spähem Gestein.
Mächtiger mahlen wir Mägde noch.
Noch weilst du. Walmaid, dem Walfeld fern.

20 Tapfer mahlt meines Vaters Tochter,
Denn vieler Fürsten Fall sieht sie nahn.
Schwere Stücke springen von der Mühle,
Eisen beschlagene: doch immer gemahlen!

21 Nur immer gemahlen! Yrsas Sohn,
Halfdans Enkel wird Frodi rächen.
Er wird von ihr geheißen werden
Sohn und Bruder; wir beide wissen's!"

22 Die Mägde mahlten aus aller Macht:
Die jungen waren im Jotenzorn.
Die Mahlstange brach, die Mühle riß,
Der mächtige Mühlstein fuhr mitten entzwei.

23 Die Bergriesenbräute sprachen:
"Nun finden wir, Frodi, wohl Feierabend:
Genug gemahlen haben wir Mägde."


Anhang

39. Solarliod

Das Sonnenlied

1 Gut und Leben raubte lang allen Lebenden
Jener grimme Greis:
Über die Wegscheide, die er bewachte,
Konnte keiner lebend kommen.

2 Einsam immer saß er und aß,
Lud nie den Mann zum Mahl,
Bis müd und matt und unvermögend
Jetzt ein Gast die Gasse gegangen kam.

3 Des Tranks bedürftig beteuerte sich der Fremdling
Und heißen Hunger zu haben;
Mit verzagtem Herzen zeigt er Vertrauen
Zu dem übel gearteten.

4 Trank und Speise spendet er dem Müden
Gern aus ganzem Herzen,
Gedachte Gottes und gab dem Bedürftigen,
Weil er sich verworfen wußte.

5 Auf stand jener mit üblem Vorsatz;
Nicht bedurfte der Wandrer der Wohltat.
Die Sünde schwoll: im Schlaf ermordet er,
Wie weis er war, den Reuigen.

6 Den Gott im Himmel um Hilfe flehte der
Als er verwundet erwachte;
Aber der andere nahm seine Sünden auf sich,
Der ihn schuldlos erschlug.

7 Heilige Engel schwebten vom Himmel hernieder
Und bargen seine Seele:
Ein lauteres Leben lebt sie ewig
Bei Gott dem Allgütigen.

8 Besitz und Gesundheit sind keinem sicher,
Wie gut es ihm ergehe.
Oft verderbt uns, woran wir am wenigsten dachten;
Niemand setzt sich selbst sein Schicksal.

9 Nicht versahen sich's Säwaldi und Unnar,
Daß ihr Glück so bald zerbräche;
Doch mußten sie nackt, da nichts ihnen blieb,
Wie Wölfe fliehen zum Walde.

10 Zum Fall hat viele die Liebe geführt;
Viel Schmerzen schufen die Frauen:
Mein befleckte manche, die der mächtige Gott
Doch so schön geschaffen.

11 Schwertbrüder waren Swafudr und Swarthedin,
Mochten nicht ohn einander sein.
Eines Weibes wegen wurden sie sich feind:
Die stand ihnen zum Sturz bestimmt.

12 Alles vergaßen sie über dem Glanz der Schönen,
Scherz und schöne Tage,
Sie schlugen alles sich aus dem Sinn
Bis auf der Lieben lichten Leib.

13 Da wurden ihnen düster die dunkeln Nächte,
Sie schliefen den süßen Schlaf nicht mehr.
Aus diesem Harme erwuchs der Haß
Zwischen Bundesbrüdern.

14 Allzuoft wird Unenthaltsamkeit
Grimmig vergolten,
Den Holmgang gingen sie um das holde Weib
Und lagen beid im Blute.

15 Übermutes soll sich keiner vermessen:
Des ward ich wohl gewahr,
Denn abgefallen sind allermeist
Von Gott, die sich ihm ergaben.

16 Reich und mächtig waren Rädey und Webogi,
Lustig zu leben allein bedacht;
Von Feuer zu Feuer nun sieht man sie fahren,
Die schnöden Geschwüre zu bähen.

17 Sie hofften nur auf sich und dauchten sich hoch
Über alle Sterblichen;
Aber den Lauf wies ihrem Lose
Anders der Allmächtige.

18 Sie lebten nach Lust und Laune dahin
Und sparten im Spiele das Gold nicht:
Das büßen nun beide, da sie bettelnd wechseln
Zwischen Frost und Feuer.

19 Dem Abgünstigen traue nicht allzuviel
Wie süß er redt und raune.
Heuchl ihm Freundschaft: fremden Trug
Lassen wir weislich uns warnen.

20 So erging es Sörli dem guten,
Als er sich in Wigolfs Gewalt gab:
Er traut ihm treulich; doch jener trog ihn,
Der seinen Bruder erschlagen.

21 Er gewährt ihnen Frieden als war es von Herzen;
Man verhieß ihm Gold dagegen.
Sie schienen versöhnt beim süßen Met;
Noch kam der Falsch nicht zum Vorschein.

22 Aber darauf am andern Tag
Als sie Rygiartal erritten,
Mit Schwertern erschlugen sie den Schuldlosen
Und ließen sein Leben schwinden.

23 Die Hülle trugen sie auf heimlichen Wegen
Und bargen im Brunnen die Stücken.
Sie wollten es hehlen: der Herr aber sah's,
Der heilige, himmelhernieder.

24 Die Seele lud er, der süße Gott,
In seine Freuden zu fahren;
Doch mag er wohl säumig die Mordgesellen
Ihres langen Leids erledigen.

25 Die Disen bitte, die Bräute des Himmels,
Dir holdes Herz zu hegen:
Deinen Wünschen werden sie in kommenden Wochen
Alles zu Liebe lenken.

26 Das Werk des Unmuts, das auf dir lastet,
Büße nicht Böses häufend,
Liebestat versöhne den Schwerverletzten:
Das, sagt man, frommt der Seele.

27 Um Gnadengaben flehe zu Gott,
Dem mächtigen, der uns Menschen schuf
Übels viel befährt der Mann,
Der seinen Vater versäumt.

28 Mit brünstigem Flehn erbitte dir
Wes du dich bedürftig dünkst.
Wer nichts erbittet dem bietet man nichts:
Wer ersinnt des Schweigenden Schäden?

29 Spät komme ich gefahren, frühe beschieden
Vor des Fürsten Türe.
Da erhoff ich, was mir verheißen ist:
Kost erlangt wer verlangt.

30 Die Sünden sind schuld, daß wir trauernd scheiden
Aus dieser Welt des Wehs.
Niemand fürchte sich, der nichts verbrach:
Ein reines Herz errettet.

31 Wolfsgestalt gewinnen alle,
Die wandelbaren Sinnes sind.
Das erfährt wohl jeder, der fahren soll
Über feuriger Flammen Glut.

32 Freundlichen Rat und weise geflochtnen
Sagt ich dir siebenfach:
Vernimm ihn wohl und vergiß ihn nie,
Er ist wohl wert zu wissen.

33 Erst will ich dir sagen wie selig ich war
In dieser Welt des Wehs.
Das ist das andre: daß alle Menschen
Wider Willen Leichen werden.

34 Wollust und Stolz betrügt die Sterblichen,
Daß sie nach Schätzen schielen.
Zu langem Leide wird das lichte Gold;
Manchen betören Taler.

35 Munter meist erschien ich den Menschen,
Denn wenig wußt ich voraus:
Die zeitliche Welt hat wollustreich
Der Schöpfer geschaffen.

36 Mit Neigen saß ich und nickte lange;
Doch groß war die Lust zu leben.
Aber des Waltenden Willen entschied,
Zum Tode führen Wege viel.

37 Die Tage der Krankheit fühlt ich unsanft
Mir um die Hüfte geheftet;
Zerreißen wollt ich sie; aber sie waren stärker:
Leichter geht sich's lose.

38 Allein wußt ich, wie überall
Mir die Schmerzen schwollen.
Heim luden mich der Hölle Töchter
Graunvoll alle Abend.

39 Die Sonne sah ich, das schöne Tagsgestirn,
Sinken in die Welt des Schreiens,
Und der Hölle Gitter hört ich mir zur Linken
Schaurig erschallen.

40 Die Sonne sah ich blutrot scheinen,
Wie ich von der Welt mich wandte;
Doch heller schien sie mir und herrlicher
Als ich sie noch je gesehen.

41 Die Sonne sah ich, sie war so schön,
Als sah ich Gott den Schöpfer selbst.
Ich neigte der herrlichen heut zum letzten Mal
In dieser Welt des Wehs.

42 Die Sonne sah ich, so war ihr Glanz,
Daß sonst mir nichts bewußt mehr war.
Die Höllenflüsse hallten zur Linken mir
Gemischt mit manches Menschen Blut.

43 Die Sonne sah ich bebenden Angesichts,
Der Schrecken voll und Schmerzen,
Denn mein Herz, das hart bedrängte,
Zerging in Angst und Ohnmacht.

44 Die Sonne sah ich noch selten verzagter;
Ich war der Welt schier halb entwandt;
Die Zunge stand mir starr im Munde,
So fühlt ich sie von Frost erfaßt.

45 Die Sonne sollt ich nicht wiedersehn
Nach jenem trüben Tage;
Der blaue Himmel verbarg sich mir,
In Schmerzen entschwand die Besinnung.

46 Der Stern der Hoffnung (die Seele) in der Stunde der Neugeburt
Entflog der bangen Brust.
Er schwang sich hoch empor und setzte sich nirgends,
Daß er zur Ruhe kommen konnte.

47 Aber am ängstlichsten war mir die eine Nacht,
Wo ich starr lag auf dem Stroh:
Da verstand ich erst ganz das göttliche Wort:
Vom Staube stammen die Sterblichen.

48 Das wiss' und erwäge der waltende Gott,
Der die Welt und den Himmel wirkte,
Wie einsam wir beim Abschied bleiben,
Zählten wir gleich der Freunde viel.

49 Seiner Taten Frucht empfängt ein jeder:
Selig wer da wohl gewirkt!
Ich schatzentblößter kam auf ein Bett
Von schierem Sande zu liegen.

50 Der Haut zu pflegen vergißt man der Pflicht:
Dies dünkt das erste Bedürfnis;
Doch mir verleidete sich die Lauge solchen Bads
Über alle Maßen.

51 Auf der Nornen Stuhl saß ich neun Tage,
Ward dann auf den Hengst gehoben.
Schauerlich schien die Sonne der Riesin
Aus Nacht und Nebel nieder.

52 Innen und außen wähnt ich alle sieben
Unterwelten zu durchwandern:
Auf und nieder sucht ich ängstlich den Weg,
Der leidlicher zu wandern wäre.

53 Nun ist zu sagen, was ich zuerst ersah,
Als ich zu den Qualorten kam:
Versengte Vögel, die Seelen waren,
Flogen wie Fliegen umher.

54 Von Westen drangen die Drachen des Wahns
Und bedeckten die glühenden Gassen.
Sie schlugen die Schwingen als sollte der Himmel
Bersten und die Erde.

55 Den Sonnenhirsch sah ich von Süden kommen
Von zwein am Zaum geleitet;
Auf dem Felde standen seine Füße,
Die Hörner hob er zum Himmel.

56 Von Norden ritten der Nüchternheit Söhne;
Ihrer sieben sah ich.
Volle Hörner hoben sie des herrlichen Mets
Aus des guten Gottes Brunnen.

57 Der Wind schwieg, die Wasser stockten:
Da hört ich kläglichen Klang.
Aus allen Kräften eifrige Weiber
Mahlten den Müll zum Mahl.

58 Triefende Steine sah ich die traurigen Weiber
Übel handhaben;
Blutige Herzen hingen von ihren Brüsten
Zu langem Leide nieder.

59 Viel Männer sah ich matt von Wunden
Auf den glühenden Gassen.
Ihr Angesicht dauchte mich immerdar
Rot von rauchendem Blut.

60 Viele sah ich der Erde befohlen
Ohne das letzte Geleit;
Heidnische Sterne umstanden ihr Haupt
Von Todesstäben getroffen.

61 Manche sah ich da, die der Mißgunst sich
Um anderer Glück ergeben,
Blutge Runen standen auf ihrer Brust
Vermerkt des meinethalb.

62 Manchen sah ich da, der weglos mußte
In der Öde traurig irren.
Der Lohn wird dem, der dieser Welt
Eitelkeit sich äffen läßt.

63 Männer sah ich da, die manches Stück
Von andrer Gut sich angeeignet;
In Scharen gingen sie zu Schatzliebs Burg
Und schleppten Bürden von Blei.

64 Männer sah ich da, die manchen hatten
Entleibt dem Gut zuliebe;
Die Brust durchbohrten den Bösewichtern
Grimme Giftdrachen.

65 Männer sah ich da, die es missen wollten,
Die heiligen Tage zu halten;
Ihre Hände waren an heiße Steine
Notfest genagelt.

66 Männer sah ich da, die mehr als billig
Der Hochmut höhnte.
Ihr Gewand war wunderbar
Übergossen mit Blut.

67 Männer sah ich da, die manch Wort hatten
Auf andre Leute gelogen:
Ihren Häuptern hackten die Höllenraben
Eifrig die Augen aus.

68 Alle Schrecken mag einer nicht wissen,
Die die Höllenkinder quälen.
Süße Sünden werden schwer gebüßt;
Hochmut kommt vor dem Fall.

69 Männer sah ich da, die manchen Schatz
Gott zuliebe gegeben:
Himmlische Kerzen über ihren Häuptern
Brannten lichterloh.

70 Männer sah ich da, die großmütig
Den Armen geholfen hatten:
Heilige Bücher lasen die Himmlischen
Über ihren Häuptern.

71 Männer sah ich da, die sich gemartert
Hatten viel mit Fasten.
Ihnen neigten die Engel Gottes:
Das ist süße Seligkeit.

72 Männer sah ich da, die ihrer Mutter
Das Mahl zum Mund geführt.
In Himmelsstrahlen standen ihnen
Die Betten gebreitet.

73 Himmlische Mädchen wuschen ihnen
Die Seele rein von Sünden,
Die freiwillig mit keuschem Fasten
Sich manchen Tag gemartert.

74 Himmlische Wagen sah ich zum Himmel fahren
Empor die göttlichen Gassen.
Männer lenkten sie, die unter Mörderhand
Ledig sanken aller Schuld.

75 Allmächtiger Vater, gleichmächtiger Sohn,
Heiliger Geist des Himmels,
Dich bitt ich, nimm die du erschaffen hast
Uns aus dem Elend alle.

76 Beugwör und Listwör sitzen vor des Hirten Tor
Auf dem Orgelstuhl,
Flüssiges Eisen entfließt ihren Nasen;
So weckten sie Haß und Wut.

77 Frigg, Odins Frau, fährt auf der Erde Schiff
Zu der Wollust Wonne,
Ihre Segel senkt sie spät,
Die an harten Tauen hangen.

78 Erbe, dein Vater allein verhalf dir
Mit Solkatlis Söhnen
Zu des Hirschen Horn, das aus dem Hügel nahm
Der weise Wigdwalin.

79 Das sind die Runen, die da ritzten
Niörds Töchter neun,
Radwör die älteste und Kreppwör die jüngste,
Mit ihrer Schwestern sieben.

80 Welche Gewalttaten wirkten nicht
Swafund Swaflogi!
Blut weckten sie, Wunden sogen sie
Tödliche, bitterböse.

81 Dieses Lied, das ich dich lehrte,
Sollst du vor dem Volke singen:
Das Sonnenlied wird selten wohl
Den Leuten zu lügen scheinen.

82 Hier laß uns scheiden; am schönen Tag
Finden wir uns wieder.
Gebe Gott den Begrabnen Ruhe
Und verleihe den Lebenden Frieden.

83 Tröstliche Lehre ward dir im Traum gesungen
Und Wahrheit ward dir enthüllt.
Von allen Lebenden war niemand so gelehrt,
Daß er das Sonnenlied singen hörte.