Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben.
Sieg oder Spott, folg deinem Gott!



Mittwoch, 2. Mai 2012

Die Berserker


Odins Elitekrieger

Zu Beginn der Germanen und Wikingerzeit gehörten zu den skandinavischen Armeen oft Berserker, grausame und impulsive Kämpfer, die durch die Hitze des Gefechts in Rage kamen. Die späteren isländischen Sagas zeigen, wie diese Männer die Motivation der Armee hoben und den Wikingerkriegern die Bedeutung von Blutdurst und Psychologie vor Augen führten.

Aber gehen wir noch etwas näher darauf ein:
Vor mehr als tausend Jahren gründete Harald Schönhaar (Harfagri) das norwegische Königreich. Um seinem Willen den gehörigen Nachdruck zu verleihen, stellte Harald Schönhaar ein Heer zusammen. Für die vorderste Kampfreihe wählte er besonders kräftige, entschlossene, junge Männer aus, jene Berserker nämlich. Ihr Leben weihten sie Odin, dem Kriegsgott, und in der entscheidenden Schlacht im Bocksfjord bei Stavanger, standen sie, in Bärenfelle gekleidet, auf dem Vorderdeck der Schiffe, "bissen vor Wut in ihre Schilde und stürzten sich auf die gegnerischen Krieger. Wurden sie von einem Speer getroffen, schienen sie keinen Schmerz zu spüren, sondern kämpften wie besessen weiter. Als die Schlacht gewonnen war, sanken die Kämpfer in einen tiefen Schlaf". Thorbjörn Hornklofi, ein Teilnehmer der Schlacht, berichtet das sowie einzelne Strophen der norwegischen und isländischen Sagas: "Es brüllten die Berserker, der Kampf war im Gange...". Und in der Egil-Saga lesen wir: "Keiner, der auf dem Königsschiff vor dem Segel gestanden hatte war unverwundet, außer denen, die kein Eisen biss, und das waren die Berserker". Auch in der Ynglinga-Saga, dem Werk des isländischen Staatsmanns und Dichters Snorri Sturluson, tauchen sie auf: "Odins Männer gingen ohne Panzer in den Kampf, und sie waren wild wie Hunde oder Wölfe. Sie bissen in ihre Schilde und waren stark wie Bären oder Stiere. Sie erschlugen die Feinde, aber sie selbst verwundete weder Feuer noch Schwert; das nennt man Berserkerwut". 872 n.Ztw. hat sich das zugetragen.

Für die vorchristlichen Wikinger waren die Götter Inspiration und Trost. Man glaubte, dass Odin und Thor den Verlauf einer Schlacht durch göttliche Intervention zu ändern vermochten. Wenn er gerufen wurde, konnte Odin einen Speer in Flug stoppen oder einem Schwert die Klinge nehmen. Noch sichtbarere war, dass die beiden Götter die berserkir (Bärenhemd) in Raserei versetzen konnten. Dann wurde deren Blutdurst zu einer mächtigen Waffe auf dem Schlachtfeld.
Das Wort "berserkir" ist vermutlich von ihrer Verehrung für den Bären abgeleitet - ein inspirierendes Tier, das in aggressive Rage geriet, wenn er gereizt wurde. Es ist die Basis des modernen Wortes Berserker.
Auf heute unbekannte Weise setzten  sich die berserkir in den Stunden vor einem Kampf in den Wahn. Die verlieh ihnen größere Stärke und Ausdauer im Kampf und ließ sie über nicht tödliche Schläge hinweggehen. Den Sagas zufolge heulten berserkir wie wilde Tiere, wenn sie in die Schlacht zogen.

"Voller Kampf waren sie, mit blitzenden Schilden,
Westliche Speerspitzen, fränkische Wundenklinge.

Schrie dann, der Bärenpelz, Blutbad hatten sie im Sinn,
Heilte dann der Wolfsmantel, und Waffen wurden geschwungen,

Herrliche Zuschauer ihres blutigen Sports,
Mut war gefragt und die Hüllen fielen."

In diesem Gedicht stürmten der "Bärenpelz" und der "Wolfsmantel" gemeinsam in den Kampf, schreiend und von Blutdurst erfüllt. Im 8. Jahrhundert, vor dem Beginn der wahren Wikingerzeit, deuten Berichte darauf hin,  dass berserkir als Teil des Rituals Tierhäute trugen, aus denen sie einen Teil der Lebenskraft dieser Tiere beziehen wollten. Während die meisten den Bärenpelz vorzogen, der den berserkir ihren Namen gab,  wählten andere Wolfspelze und wurden ulfhednar (Wolfsmäntel) genannt. Den Sagas zufolge wurde das Tragen von Tierpelzen mit der Zeit immer seltener; es hielt jedoch bis zur christlichen Ära an, obwohl die betreffenden  eher ein Bärensymbol trugen als einen ganzen Pelz - daher der Name "Bärenhemd".
Seit Jahrhunderten versuchen Gelehrte, das Phänomen der berserkir zu erklären. Manche meinen, dass sie von der Hauptarmee getrennt waren,  eine Ansammlung von mental instabilen Außenseitern, Aussätzigen und gefährlichen Menschen. Ihr Blutdurst wurde als Zustand der Paranoia identifiziert, entweder natürlich entstanden oder, was wahrscheinlicher ist, durch die Einnahme einer heute unbekannten Kräuterdroge oder Alkohol.
Die Sagas behandeln die bersekir  mit einer Mischung aus Respekt  vor ihrer Tapferkeit und Ablehnung wegen ihrer Unkontrollierbarkeit. Sie werden oft als wilde tyrannische Schurken beschrieben, gemieden von den Helden der skandinavischen Literatur. Nach isländischen Gesetz war berserkir-Raserei in Friedenszeiten verboten, und wer dagegen verstieß, wurde als Krimineller behandelt. Man nahm an, berserkir würden übernatürliche Kräfte besitzen, die zum Teil von Odin verliehen wurden. Der Ynglinga Saga zufolge zogen sie in den Kampf.

......wie verrückte Hunde oder Wölfe, verbissen in ihre Schilde, stark wie Bären oder Stiere,
auf ihrem Weg alles niedermähend, unverwundbar durch Feuer und Eisen.

In der Volsunga Sage kämpfte ein ulfhednar gegen sieben Gegner gleichzeitig und siegte.

Der wikingerische Glaube an die Götter und deren Hilfe im Kampf förderte das berserkir-Phänomen und führte zu unglaublichen Leistungen auf den Schlachtfeld, vollbracht von Kriegern, die den Tod nicht fürchteten, weil ihnen ein Platz in Walhalla sicher war. Obwohl der vorchristliche Walhallaglaube nicht überlebte, lassen die Sagas auf ein Ethos schließen, das den Tod in der Schlacht den im Bett Vorzug, sowie der Ruhm eines letzten Kampfes an der Seite der Kameraden und unter einem Wikingerführer.
Angesichts diese psychologischen Anreize  ist es verständlich, dass die Wikinger so entschlossene Gegner und so erfolgreich waren.

Bestimmt sind diese Gesänge ein wenig mit "dichterischen Freiheiten" versehen worden. Dennoch fällt auf, dass alle Beschreibungen die Berserker als Krieger schildern, die mit einer wilden, geradezu magischen Leidenschaft kämpften. Nun waren germanische Krieger schon immer aus hartem Holz geschnitzt, dafür gibt es einen ernst zu nehmenden Augenzeugen. In seiner "Germania" schildert der römische Schriftsteller Tacitus (55-116 n.Ztw.) im 31. Kapitel einen Brauch der Chatten - ihre Nachkommen leben heute noch in Nordhessen, im Gebiet um Eder, Fulda und Lahn: "Sobald sie das Mannesalter erreicht haben, lassen sie sich Haar und Bart wachsen, und erst nachdem sie einen Feind getötet haben, legen sie dieses (zottige) Aussehen ab, das sie sich durch einen Eid und um der Tugend willen gegeben haben...Die Feigen und Unkriegerischen behalten ihren Haarwust. Die Tapfersten tragen ausserdem einen Eisenring...bis sie sich durch den Tod eines Feindes davon befreien ...Ihre Aufgabe ist es, jeden Kampf zu eröffnen; sie bilden stets die vorderste Linie". Diese Krieger könnten gut in die Ahnenreihe der Berserker passen.

Das Wüten der Berserker ist sprichwörtlich geworden. Auch das mehrfach berichtete "Beissen mit den Zähnen in den oberen Rand des Schildes" hat der Volksmund übernommen. Tiere fletschen beim Angriff die Zähne. Auch wir "zeigen jemandem die Zähne", wenn wir es ihm ordentlich besorgen wollen. Tüchtige Kämpfer verfolgen mit "Verbissenheit" ihr Ziel - dennoch wissen wir nur wenig über jene, die in den Bärenfellen steckten. Und das gibt Anlass für allerlei Spekulationen. Waren sie halbwilde Jungkrieger, die, um ihren Mut zu beweisen, mit ungeschütztem Körper in den Kampf gingen? Handelte es sich um sakrale Männerbünde, die dem Totengott Odin als Krieger dienten? Waren sie einfach nur Verrückte, die unter Gebrüll fanatisch drauflosschlugen? Besaßen sie übernatürliche Kräfte, die sie vor Verwundung schützten? Oder standen sie unter Drogen? Litten sie gar an einer Erbkrankheit?

Fragen wir erst mal die Fachleute, z.B. Herrn Professor Kurt Schier, Leiter des Instituts für nordische Philologie an der Universität München: "Grundsätzlich ist alles denkbar, lässt sich aber anhand der Quellen nicht beweisen. Die schriftlichen Zeugnisse stammen nicht aus der Zeit Harald Schönhaars, sondern wurden erst viel später aufgeschrieben. So wurde der mündliche Bericht des Augenzeugen Thorbjörn Hornklofi - übrigens der erste, in dem das Wort "Berserker" vorkommt - im 12. Jahrhundert niedergeschrieben, 300 Jahre nach der Schlacht im Bocksfjord. Die historischen Quellen sind also nicht nur rar, sondern auch nicht hundertprozentig zuverlässig. Sicher ist nicht einmal, woher der Name stammt. "Serkr" bedeutet "Hemd" in der altnordischen Sprache, aus der sich später die schwedische, norwegische und isländische entwickelte. Die Silbe "Ber" kann entweder von "Bersi"(Bär) kommen oder von "berr"(nackt). Je nachdem, wie man die Sache betrachtet, ein Berserker ist entweder jemand, der das Bärenhemd trägt, oder jemand, der mit nacktem Oberkörper kämpft. Das ist zwar nur ein kleiner, für die Historiker aber sehr bedeutsamer Unterschied. Wenn die Berserker einfach nur "oben ohne" in den Kampf zogen, dann wäre das nichts Ungewöhnliches. Tacitus berichtet nämlich auch, daß die Soldaten der germanischen Hilfstruppen traditionell mit nacktem Oberkörper kämpften. Wenn sich die Berserker dagegen in Tierfelle gekleidet haben - was die meisten Forscher vermuten - dann wäre das schon etwas Besonderes. Es wäre typisch für Norwegen und Island."

Erfunden haben Isländer und Norweger die Bärenverkleidung freilich nicht. "Bärenkulte waren früher weit verbreitet", erklärt der Münchner Ethnologe Professor Hans-Joachim Paproth. "Schon auf steinzeitlichen Felszeichnungen, z. B. in der Höhle von Trois-Freres in Südfrankreich, finden wir Darstellungen von Tänzern in Bärenfellen. Und bei schwedischen und norwegischen Lappen wurden Bärenfeste bis ins vorige Jahrhundert gefeiert". Den Grund dafür nennt uns der Wiener Altgermanist Professor Otto Höfler: "Der Tierverkleidung haftet etwas Mystisches an. Die Maskierung wurde als Verwandlung erlebt, und zwar sowohl von den Zuschauern wie auch vom Maskierten selbst. Wenn sich ein Tänzer oder Krieger in ein Bärenfell kleidete, ging die Kraft des wilden Tieres - natürlich im übertragenen Sinne - auf ihn über. Er wirkte und fühlte sich stark wie ein Bär. Das Berserkertum läßt sich als die nordische Sonderentwicklung eines Tiermaskenbrauchs beurteilen, der in uralten Maskenkulten wurzelt", so der Herr Professor. In den Bärenfellmützen der englischen Gardesoldaten, die den Tower und die Kronjuwelen bewachen, könnte man Reste dieses Kultes sehen.

Die Bären-Verkleidung mag auch der Grund gewesen sein, weshalb die Krieger in den Fellhemden als wild und unverwundbar galten. Wieso aber gerieten sie dabei so in Wut, dass sie "wüteten wie die Berserker"? Denkbar ist, dass die Maskierten in eine Art magische Ekstase fielen und sich dann fühlten, als seien sie von wütenden Tiergeistern besessen. Diese Annahme könnte durch die Schilderung der Berserkerwut in der Ynglinga-Saga gestützt sein. Dort werden die wilden Krieger "Männer Odins" genannt. Odin (bei den Südgermanen "Wotan", der Wütende genannt) entspricht mit seinen vielen Facetten genau den Berserkern. Zum einen ist er der Kriegsgott, der "Herr des Zorns". Er weckt in germanischen Kämpfern den kriegerischen Mut, die Tapferkeit und Ausdauer und sorgt dafür, dass ihm beim Endkampf, der Götterdämmerung, die tüchtigsten Krieger zur Verfügung stehen. Als "Wotan" führt er die "wilde Jagd" an, die in Sturmnächten über den Himmel braust und die nichts aufhalten kann. Odin ist aber auch der weiseste aller Götter, begabt mit Kräften, die nur er besitzt, eingeweiht in Geheimnisse wie sonst keiner. Als Schamane ein Hüter des Wissens und der religiösen, verstandesmässig nicht zu erklärenden Mysterien. Ein Meister der Magie, dem die Tiergeister dienen, begleitet von Wölfen und Raben - den Tieren des Schlachtfeldes. Wenn er in Asgard thront, sitzen ihm die Wölfe Geri und Freki (die "Geringen") zu Füssen und die Raben Hugin und Munin ("Gedanke und Erinnerung") berichten ihm die Geschehnisse der Welt.

Berserker - Bärenfelljäger (nord. „Bärenhäuter”) In nordgermanischer Mythologie ein Heer wilder Kerle, die in Tierfelle gehüllt. Sie waren die "Elite-Einheit" Odins. Eingehüllt in seinen Pelz bzw. losgelöst von ihrem menschlichen Körper und zum Bär geworden verfügt der Berserker über die Kräfte des Bären. Die freiwerdenden Kräfte, gegeben von der Göttin Ursel (zool. Ursus „Bär”) sind als „Berserkerwut” sprichwörtlich geworden.
Agrippa von Nettesheim schreibt: „Ein Trank, aus dem Gehirn eines Bären bereitet und in dessen Schädel dargereicht, soll eine Bärenwut hervorrufen, so dass ein Mensch, der davon getrunken hat, sich in einen Bären verwandelt glaubt, alles vom Bärenstandpunkte aus beurteilt, und in seiner Raserei verharrt, bis der Zauber des Trankes gelöst ist, ohne dass übrigens irgend ein anderes Übel für den Betreffenden daraus entstünde.” (nach Schrödter 1967, S. 61)
In Wirklichkeit soll ein Sud aus Fliegenpilzen in Milch aufgekocht dieses Phänomen hervorgerufen haben.
Die norwegischen Könige sollen eine Leibwache von so behandelten Männern um sich geschart haben und diese Berserker sich in der Schlacht von Bocksfjörd 872 durch besonderen Heldenmut ausgezeichnet haben (ebd.).

Der vermutete Glaube der Berserker an die Beseeltheit der Tiere, an "Tiergeister", ist nicht ungewöhnlich. Völkerkundler haben das auch für andere Länder nachgewiesen. Wenn ein "Geist" von einem Körper Besitz ergreift, dann ist es tatsächlich möglich, dass der Betroffene weder Schmerz noch Müdigkeit fühlt. Erst wenn dieser Zustand beendet ist, verfällt der Betroffene in einen tiefen Schlaf.
Man hat auch noch andere Erklärungsversuche für die "Berserkerwut" unternommen, ohne übersinnliche Kräfte bemühen zu müssen. Rauschartige Zustände, Tobsuchtsanfälle, Halluzinationen und anschließende Müdigkeit könnten auch von chemischen Substanzen hervorgerufen worden sein, z.B. durch das Fliegenpilzgift Muscimol. Heute wissen wir, dass Patienten mit einer Fliegenpilzvergiftung wild um sich schlagen, erregt sind und häufig Wahnvorstellungen haben. In Pflegern und Ärzten sehen sie Fabelwesen, Götter und Geister. Die toxische Wirkung hält ungefähr zwanzig Stunden an, dann fallen die Betroffenen in einen Tiefschlaf, aus dem sie meist - wenn sie Glück haben - erst nach etwa 30 Stunden wieder erwachen. Die Gehirnforscher wissen, warum Menschen nach dem Genuss von Fliegenpilzen plötzlich wild werden: Durch halluzinogen Stoffe wie Lysergsäuredihydrat - den Kiffern und Junkies als "LSD" bekannt - oder Muscimol, werden chemische Prozesse an den Nervenenden in Gang gesetzt, welche die Leitungsgeschwindigkeit der Nervenimpulse verändern. Dadurch entsteht das Gefühl "gut drauf zu sein". Schlägt der Effekt aber ins Gegenteil um - weil man zuviel davon genommen hat - dann wird das ein "Horror-Trip", eventuell bis hin zum Tod. Das Erstaunliche aber kommt noch: Die giftbedingten Veränderungen, die zunächst in den Köpfen Einzelner geschehen, wirken auf Andere ansteckend. Das kann man auf jeder Techno-Party beobachten. Es genügt, wenn Einzelne sich mit halluzinogenen Mitteln aufputschen. Durch ihr Verhalten, den Rhythmus der Musik, monotones Händeklatschen oder Füße stampfen, kommen dann auch die Anderen in Fahrt. Diese "Synchronisation" kommt durch die Aktivierung körpereigener Neurotransmittersysteme zustande, die selbst ähnlich wie Drogen wirken. Auf diese Weise entsteht eine Dynamik, die man "kollektive Ekstase" nennen kann. Es wird vermutet, dass die Berserker diese Wirkungen kannten und sich nur einige Anführer "dopten", zum Beispiel mit dem Fliegenpilzgift.

Bestimmt aber wussten sie, wie der Fliegenpilz auf Menschen wirkt. Dazu der Göttinger Psychiatrie-Professor Hanscarl Leuner: "Der Fliegenpilz spielt seit undenklichen Zeiten als mythologisches Mittel im subarktischen und arktischen Raum eine wichtige Rolle. Er wurde von dort lebenden Stämmen für ekstatische Praktiken benutzt". Einen hieb- und stichfesten Beweis für die Fliegenpilz-Theorie gibt es allerdings nicht. In keinem Bericht über die Berserker steht etwas von diesem oder anderen Aufputschmitteln. Manche Historiker stört das nicht. Sie meinen: "Gerade weil die nordischen Krieger die Wirkung des Fliegenpilzes kannten, hielten sie ihr Wissen geheim, denn es klang einfach besser, wenn unbändige Kraft, Furchtlosigkeit und Unverwundbarkeit von Göttern oder Tiergeistern kamen". Ob das stimmt? Auch gibt es den Hinweis, dass ein Sud von Fliegenpilzen in Milch aufgekocht dieses Phänomen verursacht haben soll.

Einige Völkerkundler vermuten, daß die Berserker gewissen Geheimbünden oder Familien angehörten, in denen Kenntnisse um "Zauberpflanzen" und mystische Kräfte von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Andere wiederum glauben, daß die Berserkertruppen "Männerbünde" waren, und daß die Berserkerwut eine Mutprobe war, die jedem Jungmann beim Eintritt ins Erwachsenenalter abverlangt wurde. Solche Riten mit Maskentänzen und ekstatischen Zuständen konnte man bei vielen Naturvölkern beobachten. Unerklärlich aber ist bei dieser Theorie, warum Derartiges wiederum in keiner nordischen Überlieferung erwähnt wird.
Auch die Mediziner mußten sich zu Wort melden und einen Beitrag zur Berserkerfrage absondern: "Die legendäre Stärke der Berserker hatte nichts mit Geistern, Drogen und magischen Ritualen zu tun, sondern war die Folge einer vererblichen Krankheit", meint der amerikanische Professor Jesse L. Byock. Der isländische Dichter Egil soll jähzornig, bösartig und unbesiegbar gewesen sein, wie schon sein Vater und sein Großvater. Das äußere Merkmal - ein ungeheurer Dickschädel, im Wortsinn. Sein Kopf soll so massiv gewesen sein, daß er sich nach Egils Tod selbst mit der Axt nicht spalten ließ. So steht es zumindest in der Egil-Saga. Die Beschreibungen deuten nach Byocks Ansicht darauf hin, daß die Egil-Familie am "Paget-Syndrom" litt, einer Erbkrankheit, bei der das Knochenwachstum außer Kontrolle gerät. Professor Byock: "Menschliche Knochen erneuern sich allmählich und normalerweise wird die biologische Substanz etwa alle acht Jahre vollständig ersetzt. Die Krankheit allerdings erhöht das Tempo von Abbau und Neubildung so stark, daß Knochenteile umstrukturiert, mißgestaltet und erheblich größer als die ursprünglichen werden". Besonders deutlich sind die Folgen des Paget-Syndroms am Kopf zu erkennen, er wird nämlich dick und wellig. In England sollen drei bis fünf Prozent der Männer über 40 Jahre davon betroffen sein. Läßt sich damit der Mythos um die Berserker auf eine Erbkrankheit zurückführen?

Die Geschichte bleibt mysteriös, allen Forschungen zum Trotz. Vielleicht sehen manche Gelehrte auch den Wald vor lauter Bäumen nicht. Überlegen Sie doch mal ganz praktisch, versetzen Sie sich doch einmal an die Stelle König Harald Schönhaars: Sie wollen Norwegen erobern, ein Königreich gründen, Ihnen steht eine beträchtliche Anzahl von Schiffen zur Verfügung, dazu eine bestimmte Menge guter, tapferer, kampferprobter Krieger - Ihre Gegner aber haben diese Kampfmittel auch. Also können Sie Ihre Chancen doch nur dann verbessern, wenn Sie etwas haben, dem die Gegner nichts entgegen zu setzen vermögen. Das können z. B. Elitetruppen sein, Berserker nämlich. Sie weisen diesen Truppen den besonders empfindlichen Platz auf dem Vorderdeck ihrer Schiffe an, wo die ersten Kampfberührungen mit dem Feind stattfinden werden. Und nun überlegen Sie mal, woraus diese Elitetruppen bestehen würden: Aus hysterischen Besessenen? Kampfunerfahrenen, rauschgiftsüchtigen Jünglingen? Gedopten Fliegenpilzvergifteten? Vielleicht schon eher aus Mitgliedern eines "Männerbundes", die sich Odin geweiht haben, bestimmt aber nicht aus erblich belasteten Knochenkranken. Sie würden auf das Vorschiff die Besten stellen, die Sie bekommen können und die Besten wären diejenigen, die Sie vorher nicht nur im Waffenhandwerk erstklassig ausgebildet und mit guter Bewaffnung versehen, sondern auch psychologisch auf ihre Aufgabe hin vorbereitet haben. Das heißt, Ihre Elitetruppen würden wissen, wie man den Feind einschüchtert - mit Gebrüll und Drohgebärden zum Beispiel - wie man sich selbst vor Verletzungen schützt - mit einem dichten, für Hieb- und Stoßwaffen schwer durchdringbaren Bärenfell - und sie würden wissen, daß man durch äußerste, nicht nachlassende Anstrengungen, "Verbissenheit" eben, doch meist den Sieg erreichen kann. Diese Elitekämpfer wären von der Größe der zu lösenden Aufgabe überzeugt, sie wären "motiviert" und würden das vorgegeben Ziel aus ihrem Innersten heraus bejahen. Und sie hätten diese Männer auf sich persönlich eingeschworen - eine Parallele zu unserer jüngsten Vergangenheit tut sich auf. Und daher hat der französische Forscher G. Dumezil wohl nicht ganz zu Unrecht die deutschen paramilitärischen Organisationen aus der Zeit vor 1945 wie z.B. SA und SS als psychologisch und sozial verwandte Erscheinungen betrachtet und angeführt.

Die Berserker erscheinen in der Literatur oft paarweise, mehrfach auch zu zwölft. Sie wurden von einer ganzen Reihe altnordischer Könige als persönliche Leibwache gehalten. Auch das weist auf den elitären Charakter dieser Kriegerkaste hin. Würden sich die damaligen Herrscher wirklich mit Verrückten, Halbwahnsinnigen oder Unzurechnungsfähigen umgeben haben? Gewiss nicht, auch hier wären eher die Tüchtigsten zu finden gewesen. Unverbrüchliche Treue zu ihrem Herrscher wird an mehreren Stellen der alten Sagas beschrieben. In der Gold-Saga um den Dänenkönig Hrolf Krake (Prosa-Edda 198) erfahren wir einige Namen der zwölf Berserker, welche die Leibwache des Königs bildeten: Bödwar Bjarki, Hialti Hochgemut, Zwitserk Kühn, Wört, Weseti, Beigud und die Brüder Swipdag.

Die Berserker kann es nicht erst seit König Harald Schönhaars Zeiten gegeben haben, denn schon Tacitus erwähnt eine eigenartige Kriegerkaste, die er "Harier" nennt und die fast alle Kennzeichen der Berserker tragen, und das immerhin schon 800 Jahre vor der Schlacht im Bocksfjord: "Abgesehen von ihrer Macht durch welche sie die vorher aufgezählten Völker übertreffen, sind sie trotzige Krieger. Ihrer angeborenen Wildheit helfen sie künstlich und durch Ausnützung der besten Zeit nach. Schwarz sind ihre Schilde, bemalt ihre Körper, dunkle Nächte suchen sie zum Kämpfen aus und jagen schon durch das grauenvolle Dunkel ihres Heeres den Gegnern Schrecken ein. Hält ja doch kein Feind dem ungewohnten und gleichsam höllischen Anblick stand" (Germania 43.Kapitel). Der Name "Harier" bedeutet "Krieger" und Odin hieß bei diesen Kriegern "Herjan", der "Herr der Krieger". Keiner hatte ein Haus oder ein Feld oder irgendeine Sorge dieser Art. Je nachdem sie zu jemand kamen, wurden sie bewirtet, Fremdes verschwendeten sie, um eigene Sache waren sie unbekümmert, bis ein kraftloses Greisenalter sie untauglich machte für das harte Kriegsleben. Da sie es für eine Schande hielten, im Bett an Altersschwäche zu sterben, ließen sie sich beim Nahen des Todes von Ihresgleichen mit einem Speer "zeichnen", also erstechen.

Später, in der Völkerwanderungszeit erfuhr die Entwicklung des Ideals der nicht an Hof und Acker gebundenen Kriegerkaste eine kräftige Förderung. In den neu gebildeten Reichen, in denen die Germanen oft nur kleine Minderheiten bildeten, waren die Berserker bzw. ihre Vorläufer ein starker Machtfaktor. Andererseits ist der schnelle Untergang dieser Reiche wohl auch teilweise einer durch diese Kriegerkaste verursachten, unausgewogenen inneren Struktur zuzuschreiben. Der Däne Saxo Grammaticus schildert uns in einer Beschreibung des Gefolges des dänischen Königs Frotho III. die sozialen Spannungen, die das Vorhandensein einer Kriegerkaste, wie der Berserker, in Friedenszeiten innerhalb einer Gemeinschaft verursachte. Aus Lageweile und Übermut begannen die Berserker die Bauernbevölkerung zu quälen und auszunützen. Und da sie das im Namen Odins taten, wird verständlich, warum dieser Gott zeitweise bei der Bevölkerung weniger beliebt war als bei den Fürsten und den Mächtigen. Dies ist vermutlich auch eine der Ursachen, weshalb sein Name nicht öfter in den Bezeichnungen von Ortsgründungen vorkommt, als der höchst beliebte Bauerngott Thor. Im Harbardlied (24) wird das deutlich gemacht: "Das Knechtsvolk hat Thor, doch die Könige hat Odin, die da fallen im Feld".

Vielleicht stammt die Idee vom leistungsfähigen, auch gegen eine Übermacht kämpfenden Krieger gar noch aus viel früherer, indogermanischer Zeit. Darauf weist die Zeichnung auf einer griechischen Vase aus Cäre, 500 v. Ztw., hin, die uns einen Europäer zeigt, im Kampf mit einer Vielzahl andersrassiger Gegner. Manche Forscher deuten wegen des links befindlichen Altars die Abbildung so: "Ein zur Opferung bestimmter Arier befreit sich aus der Gewalt seiner Peiniger". Es gibt aber auch die Ansicht, dass es sich um einen "normalen" Kampf eines nordischen Mannes mit der "gewohnten" Übermacht seiner Feinde handelt.

Können wir von den Berserkern für unseren, in der heutigen Zeit auszufechtenden Kampf um geistige Freiheit, eigene Religion, ursprüngliche Identität und die dazugehörenden Ausdrucksformen etwas lernen? Einige Dinge bestimmt: Unerschrockenheit, Tapferkeit, Zähigkeit, Treue zum erstrebten Ziel . Nicht übernehmen können wir die Methoden der Berserker. Der "furor teutonicus" läßt sich in der Gegenwart nicht praktizieren, zu verlustreich wäre eine solche Vorgehensweise. Die Gegenwart hat einen anderen Kämpfertyp hervorgebracht, einen, der seinen Feinden viel unheimlicher ist als der drauflosstürmende Berserker. Dieser neue Kämpfertyp zeichnet sich durch absolute Verschwiegenheit aus, sowie durch Unauffälligkeit gegenüber seiner Umgebung. Er plant seine Aktion mit äußerster Sorgfalt, redet mit niemand darüber, führt sein Vorhaben aus und ist wieder der gleiche, harmlose Nachbar von nebenan - wie vorher. Er ist der unbekannte, namenlose Untergrundkämpfer.
Kehren wir zu den Berserkern zurück. Zweihundert Jahre nach der Schlacht im Bocksfjord fielen christliche Missionare in Skandinavien ein. Die alten heidnischen Sitten und Gebräuche wurden verboten, insbesondere die brüllenden Kämpfer in den Tierfellen. In Island wurde 1123 ein Gesetz erlassen, in dem es heißt: " Wer sich in Berserkerwut versetzt, wird mit drei Jahren Verbannung bestraft". Von da an sind die Männer in den Bärenfellen spurlos verschwunden.