Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben.
Sieg oder Spott, folg deinem Gott!



Dienstag, 22. Mai 2012

Rituale

Wesen und Sinn von Ritualen
Die verbreitete Ansicht, daß es in der Religion nicht auf Rituale ankäme, sondern auf "innere Einstellung” und ähnliches, ist dem Heidentum fremd. Sie geht auf die Vorrangstellung des "Glaubens” für die Protestanten zurück, die im Heidentum sinnlos wäre: Religion ist für uns gerade kein Glaube, der untätig-still im Inneren ruht, sondern lebendige, aktive Begegnung mit dem Heiligen - ein spiritueller Weg, den man tätig gehen muss. Oder "reiten”, wie unsere Ahnen sagten, die ihm die Rune Raiðo, Ritt, zuordneten. Wörter desselben Ursprungs sind "Ritus, Ritual”. Religion bedeutet, zu den Göttern zu reiten. Die Riten sind es, die uns mit ihnen verbinden und damit das ausmachen, was wir aktiv zu dem beitragen können, was religio bedeutet – Rückverbindung zum heiligen Ursprung, unseren Wurzeln. Sie wollen beizeiten begossen sein, wenn aus ihnen ein Baum wachsen soll. Met ist dafür genau richtig.

Heidnischer Ritus und "Gottesdienst"
Heidnische Riten dienen nicht dazu, die Götter zu "besänftigen”, "günstig zu stimmen” oder ihre Gunst zu "erkaufen”. Das sind bewusste Missdeutungen der Christen, um ihre eigene Auffassung vom Ritual als "Gottesdienst” umso "reiner” scheinen zu lassen. Denn sie nennen es fromm, ihrem Gott in Demut zu "dienen”, ohne davon Nutzen zu haben. "Frommen” heißt aber "nützen”. Eben deshalb nannten unsere Vorfahren einen Menschen, der die Riten beachtet, fromm, weil er damit "zu Nutz und Frommen” des Stammes handelt. Heidnische Religion ist êh, d.h. ein Verhältnis auf Gegenseitigkeit, das auch die Götter zur Treue verpflichtet. Wir sind nicht ihre Sklaven, sondern freie Gefolgsleute.

Do ut des - Du ut possis dare

Diese Gegenseitigkeit drückt auch die lateinische Formel "Do ut des” (Ich gebe, damit du gibst) aus: Wer opfert, hat ein Recht auf Gegenleistung. Man soll daher sparsam opfern und nichts Unmögliches erwarten, wie die Edda mahnt: "Besser nichts gegeben als zuviel geboten. Die Gabe will stets Vergeltung” (Hávamál). Der Grundgedanke des Opfers ist also der des Gegengeschenks für die Geschenke der Götter und der Natur: Wer z.B. Met opfert, wenn er aus einer heiligen Quelle Wasser schöpft, opfert ihr nicht als einer Gottheit, sondern gibt ihr ein Gegengeschenk. Eine magische Interpretation des Opfers ist "Do ut possis dare” (Ich gebe, damit du geben kannst). Dann ist es eine Zufuhr von Energie, feinstofflicher oder auch physikalischer Natur, durch die ein Wesen gestärkt – vor allem bei Naturgeister-Ritualen wie dem Álfablót – oder ein Prozeß unterstützt wird, wie es bei den Jahreszeit-Riten der Fall ist: Es wird auch ohne Opfer Frühling, doch mit ihm wirken wir magisch an der Kräftigung der Natur mit.

Elemente der Ritengestaltung
Obwohl nichts gegen ein festes Ritualschema einzuwenden ist, wie es das Book of Blotar von Odinic Rite England enthält, zieht man bei der Odinic Rite Österreich meist eine spontane Festgestaltung vor. Diese Feste sind keine Erfüllung ritueller Vorschriften, sondern Rituale der Kommunikation mit den Göttern und der Natur und daher jedes mal neu, persönlich und interaktiv: Es kann sein, dass alles anders wird als erwartet. Einige Elemente kehren aber immer wieder:

1. Der Kreis: Zu Beginn des Rituals bildet man einen Kreis oder ziehen ihn rituell, um den Festort als Heiligtum (nord. vé ) zu definieren, nach außen und in sich zu schließen und vor schädlichen Kräften zu schützen. Nach dem Ritual wird er wieder ausdrücklich geöffnet.

2. Erde und Feuer: Jedes Ritual soll erdnah, im Freien, nach Möglichkeit in der Nähe von Bäumen und Wasser stattfinden. Notfalls holt man Erde ins Zimmer. Zu größeren Riten gehört das heilige Feuer, das gegebenenfalls durch Fackeln oder Kerzen ersetzbar ist.

3. Das Trankopfer: Bei Festriten (Blótar) und immer, wenn ein Geschenk angebracht ist, bringt man ein Trankopfer dar. Met oder Bier wird mit dem Thorshammer geweiht, ein Teil fließt auf die Erde, der Rest wird getrunken. Das Horn kreist in Sonnenrichtung (rechts herum). Auch Getreide usw. kann als Opfer verbrannt werden. Tieropfer lehnt man heute weitgehend ab.

4. Der Runengesang (Galðr): Das ist ein eigener magischer Ritus, der sehr mächtig ist und gerne in Blotar integriert wird. Man singt bestimmte Runen, die speziell zum Anlaß passen, oder die ganze Runenreihe.

5. Die Erdung: Wenn man mit Energien arbeitet, muß man sich danach erden, d.h. unverarbeitete Energie, die den Organismus schädigen würde, in die Erde ableiten, z.B. indem man sich flach hinlegt und sie abfließen läßt. Schutzkreis und Erdung sind bei magischen Ritualen unerlässlich.

Der Ort der Rituale
Heidnische Rituale finden vorrangig in der freien Natur, am besten in Wäldern, auf Wiesen und Lichtungen, am Wasser oder bei heiligen Bäumen oder Steinen statt. Tacitus erfuhr von den Germanen, daß sie es "für unter der Würde der Götter" hielten, sie "in Wände zu sperren." Das Mindesterfordernis für ein Ritual ist der Kontakt zur Erde. Beim Blót (Fest mit Trankopfer) wird Met auf die Erde gegossen. Wenn man nicht ins Freie kann, bereitet man daher ein Gefäß mit Erde vor, auf die man den Met gießt.

Der ideale Platz für die meisten Rituale ist ein natürlicher Kraftort in einem Wald. "Bäume sind Heiligtümer. Wer mit ihnen zu sprechen, wer ihnen zuzuhören weiß, der erfährt die Wahrheit", sagt Hermann Hesse.
Im Keltischen sind die Wörter für wissen, vid, und Wald, vidu, fast gleich. Im Germanischen heißt wissen vita und Wald widu. Der Wald ist ein Ort von Wissen und Weisheit und als solcher auch ein Ort Wodans, der im Wald, engl. wood, verehrt wird. Der lateinische Begriff nemus, heiliger Hain, der mit keltisch nemeton identisch ist, kommt vom selben Stamm wie numen, das heilige Geheimnis. Jeder Kultort soll am Beginn des Rituals geweiht werden.

Rituelle Gegenstände

Um ein heidnisches Ritual durchzuführen, braucht es an sich keine besonderen Gegenstände außer denen, die aus praktischen Gründen nötig sind. Da dies aber immer wieder die gleichen sind, haben sich dafür schon im Altertum bestimmte Bräuche entwickelt: Diese altehrwürdigen Dinge sind Symbole der Verbundenheit mit den Vorfahren, besitzen durch rituelle Weihe und wiederholten Gebrauch eine magische Kraft.

Der Thorshammer

Der magische Blitz-Hammer Mjöllnir, mit dem Thor in den Mythen Götter und Menschen vor ihren Feinden schützt, ist ein traditionelles Schutzamulett, das in der Wikingerzeit, als sich die Christen Kreuze umhängten, zum demonstrativen Symbol der Treue zu den Göttern (Ásatrú) wurde. Daher trägt man auch heute Thorshammeramulette als Zeichen der Zugehörigkeit zum Heidentum. Sie sind Stilisierungen des mythischen Hammers mit "zu kurz geratenem Stiel" und wurden immer schon in der "Friedensrichtung" mit dem Hammereisen nach unten getragen. In die Hand genommen, können sie auch für rituelle Handlungen wie das Hammer-Ritual verwendet werden. Einige Heiden besitzen auch größere Thorshämmer, die sie für solche Rituale verwenden.

Das Methorn

Ein unverzichtbarer Gegenstand für alle Rituale, die mit einem Trankopfer verbunden sind, ist ein Gefäß für den Opfertrank – am besten Met oder andernfalls Bier. Traditionell bevorzugt man Hörner. Natürlich eignet sich aber auch jedes andere Gefäß, das groß genug für die Anzahl der Festteilnehmer ist. Denn das Horn dient nicht nur zum Ausgießen des Opfers, sondern wird auch herumgereicht, damit jeder seinen Trinkspruch sagen kann.

Altar, Feuer- und Erdschale

Bei Festen im Freien braucht es keinen Altar, denn das Trankopfer kann direkt auf die Erde gegossen werden. Auch für die Feuerstelle reicht ein Schutz aus Steinen. Wer oft in Innenräumen feiern muss, baut sich am besten einen dauerhaften Altar aus Holz oder Stein mit einem Gefäß aus natürlichem Material, das mit Erde gefüllt ist und das Trankopfer aufnehmen kann ("Trygill" genannt), und einer brandsicheren Feuerschale oder Kerzenleuchtern.

Götterbilder und Symbole

Der keltische Heerführer Brennos lachte sich bekanntlich krumm, als er die Götterbilder von Delphi sah. Später übernahmen aber auch Kelten und Germanen die mediterrane Bildtradition oder entwickelten wie die Wikinger eine eigene Kunst geschnitzter Götterbilder. Ob man sie haben will, ist also Ansichtssache. Gebraucht werden sie nicht. Eine Alternative sind traditionelle Symbole wie die Irminsul, die als Abbild des Weltbaums für die Einheit aller Welten steht.

Schwert, Armring und Torc

Diese Dinge sind für Rituale nicht unbedingt nötig, werden aber aus Tradition gerne verwendet.

Schwerter dienen rituell zum Ziehen des Schutzkreises und sind sonst nur traditionelle Symbole der Freiheit und Selbstverantwortung (Leibeigene in christlicher Zeit durften keine Schwerter besitzen).

Der Armring, in der Regel aus Silber, ist das nordische Rangabzeichen des Godi, das er beim Blót anlegte und sonst auf dem Altar liegen ließ. Auf solche Altarringe kann man auch Eide schwören.

Der Torc ist ein Halsreif, welcher die langjährige und intensive Zugehörigkeit zum Glauben anzeigt.

Beliebte Ritualtexte und Sprüche

Grüße, Segenswünsche und Schwurformeln

Ásaheill Heil der Götter (Isländischer Heidengruß)

Ár og fríðr - Til árs og fríðar Gute Ernte und Frieden - Auf gute Ernte und Frieden (Segenswunsch der Wikinger)

Hjálpi mér svá Freyr og Njörðr og hinn almáttki áss So helfe mir Freyr und Njörd und der allmächtige Ase (Schwurformel der Vikinger)

Heilir Æsir, heilar Ásynjur, og öll ginnheilög goð Heil den Asen, Heil den Asinnen, und allen hochheiligen Göttern (Lokasenna 11)

Heill þú farir, heill þú aftr komir, heill þú á sinnum sér! Heil denn fahre, heil denn kehre, Heil dir auf deinen Wegen! (Vafþrúðnismál 4)

Svá hjálpi þér hollar véttir, Frigg og Freyja og fleiri goð. So mögen milde Mächte dir helfen, Frigg und Freyja und viele der Götter. (Oddrúnarkviða 9)

Trinksprüche der Walküre (Sigrdrífumál 3 + 4)

Heill dagr! Heilir dags synir! Heil nótt og nift! Óreiðum augum lítið okkr þinig og gefið sitjöndum sigr!

Heil Tag! Heil Tagsöhne! Heil Nacht und Nährboden! Achtsamen Auges blickt her auf uns Und gebt den Versammelten Sieg!

Heilir Æsir! Heilar Ásynhur! Heil sjá in fjölnýta fold! Mál og mannvit gefið okkr mærum tveim og læknishendr, meðan lifum!

Heil Asen! Heil Asinnen! Heil fruchtschweres Feld! Rede und Rat bereitet uns beiden Und heilsame Hände!

Freyjas Gebet an Odin und Thor (Hyndluljóð 2 - 4)

Biðjum Herjaföðr í hugum sitja, hann geldr og gefr gull verðungu; gaf hann Hermóði hjalm og brynju, en Sigmundi sverð at þiggja.

Laßt Heervater um Hilfe und Huld uns anrufen! Er vergilt und gönnt viel Gaben den Seinen: Helm und Harnisch gab er Hermodur, Mit scharfem Schwert beschenkte er Siegmund,

Gefr hann sigr sumum, en sumum aura, mælsku mörgum og mannvit firum; byri gefr hann grögnum, en brag skaldum, gefr hann mannsemi mörgum rekki.

Gibt Sieg den einen, Besitz den anderen, Gewandte Worte und Witz den Rednern, Seewind den Seglern, Gesänge den Dichtern, Manchem Manne Mut und Geschick.

Þórr mun hon blóta þess mun hon biðja, at hann æ við þik einart láti.

Dem Thor werde ich opfern, den Thor werde ich bitten, daß er wohl sich erweise weiterhin dir.



Spruchweisheiten verschiedener Eddalieder

At þú of öxl skjótir, því er þér atalt þykkir - sjálfur leið þú sjálfan þik! Von der Schulter dir schiebe, was falsch dir erscheint - Du selber leite dich selbst!

(Grógaldr 6)

Eldur er bestur með ýta sonum og sólar sýn, heilyndi sitt, ef maður hafa náir, án við löst at lifa.

Feuer ist das beste für die Menschensöhne und der Schein der Sonne und seine Gesundheit, wenn man sie haben kann, ohne in Schande zu leben.

Havamál 68

Haltr ríður hrossi, hjörð rekur handar vanur, daufur vegur og dugir. Blindur er betri en brennur sé, nýtur manngi nás.

Der Hinkende reitet, der Handlose wird Hirt, der Taube taugt noch zum Kampf Blindsein ist besser als verbrannt zu werden, niemandem nützt ein Toter.

Havamál 71

Deyr fé, deya frændur, deyr sjálfur ið sama. en orðstír deyr aldregi, hveim er sér góðan getur.

Besitz stirbt, Sippen sterben, du selbst stirbst wie sie. Doch niemals stirbt dem der Nachruhm, der sich guten gewann.

Havamál 76