Halt hoch das Haupt was dir auch droht und werde nie zum Knechte. Brich mit den Armen gern dein Brot und wahre deine Rechte! Treib nicht mit heiligen Dingen Spott und ehre fremden Glauben und lass dir deinen Schöpfer und Gott von keinem Zweifler rauben.
Sieg oder Spott, folg deinem Gott!



Donnerstag, 25. Oktober 2012

Wielandsage im Runenkästchen von Auzon



Das Runenkästchen von Auzon, wie es nach seinem Fundort in Frankreich heißt, stammt aus dem späten 7. oder frühen 8. Jahrhundert. Es besteht aus geschnitzten Walfischknochenplatten, in die bildliche Darstellungen und Runen gefügt sind. Einen Ausschnitt davon soll hier näher betrachtet werden.

Joachim Heinzle führt es in seinem Aufsatz “Was ist Heldensage?” als “ältestes Zeugnis für die Existenz der Wieland-Sage” an. Da ich gestern erst eine Übersetzung der Wieland-Sage der Thidrekssaga gelesen habe, fasziniert mich die bildliche Darstellung auf dem Kästchen gerade. Hier kurz die Handlung der Sage, um dann die Darstellung auf der linke vorderen Seite des Kästchen zu erläutern.

“König Nidudr bemächtigt sich des kunstreichen Schmiedes Volundr (Wieland) und lässt ihm auf Rat seiner Frau die Kniesehnen durchschneiden. Er muß für den König kostbares Schmiedewerk herstellen. Als sich die Gelegenheit bietet, nimmt er furchtbare Rache. Er schlägt den beiden Königssöhnen die Köpfe ab und fertigt aus den Hirnschalen Trinkgefäße für den König, aus den Augen Edelsteine und aus den Zähnen Brustschmuck für diee Königstochter. Später gelingt es ihm, diese mit Bier betrunken zu machen und zu schwängern.” (Heinzle, S. 1)

Nach der Volundarkvida fliegt er danach in die Luft auf und davon, die Thidrekssaga beschreibt den näheren Zusammenhang. Wielands Bruder Egil, ein guter Schütze, erlegt auf dessen Bitte hin im Wald Vögel, aus deren Federn Wieland sich ein Federhemd anfertigt, mit dessen Hilfe er fliegen kann und entkommt dem König so trotz seiner Lähmung.


Auf dem Kästchen sind Schlüsselszenen aus der Wielandssage zu sehen: Der Schmied, links stehend, die Beine eingeknickt, bietet über den Amboss hinweg einer Frau (die Königstochter Badhild oder auch Bödvild) einen Becher dar. Seine Zange umfasst einen Schädel. Am Boden liegt ein Körper ohen Kopf (Nidudrs erschlagener Sohn). Hinter der Frau steht eine zweite (vielleicht die Mutter?). Rechts von der zweiten Frau ist eine Vogelfangszene abgebildet. In der Runenbeischift steht auf dem Deckel steht bei einem Schützen “Ægili” – Egil (Vgl. Heinzle S. 2-3).
Wielands Sohn ist übrigens Witege, einer der Gefährten Dietrichs oder auch Thidreks von Bern.
Hier noch ein archäologischer Blickwinkel von “In Focus” auf Franks casket, das wohl zeitweise als Nähkästchen verwendet wurde, bevor es den Weg ins British Museum fand.
 

Literatur:
Heinzle, Joachim. Was ist Heldensage? In: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft Bd. 14, 2003/2004. S. 1-23.
Das Wölundlied. In: Die Heldenlieder der älteren Edda. Hg. von Arnulf Krause. Stuttgart: Reclam, 2001.
Die Geschichte Thidreks von Bern. Übersetzt von Fine Erichsen. Jena: Eugen Diederichs Verlag, 1922 (Thule 22).